Solothurn
Das Wunder der Geburt in den eigenen vier Wänden

Ein Team aus Ärzten und Hebammen aus Solothurn macht sich für die etwas andere Geburt stark. Sie haben seit der Eröffnung der Praxis rund 550 Kindern beim Start ins Leben geholfen. Trotzdem halten viele eine Hausgeburt für zu gefährlich.

Andreas Kaufmann
Merken
Drucken
Teilen
Einen Themenabend zur Hausgeburt bestritten am Wochenende (v.l.): Die Hebammen Renate Umbricht und Fanny Wäfler, Arzt Reiner Bernath, Hebamme Mirjam Schneider und Ärztin Lilian Saemann. Wenig vom Inhalt bekam der kleine Nicolas Wicky (M.) mit.

Einen Themenabend zur Hausgeburt bestritten am Wochenende (v.l.): Die Hebammen Renate Umbricht und Fanny Wäfler, Arzt Reiner Bernath, Hebamme Mirjam Schneider und Ärztin Lilian Saemann. Wenig vom Inhalt bekam der kleine Nicolas Wicky (M.) mit.

Hanspeter Bärtschi

Es braucht Mut, als werdende Mutter eine andere Entscheidung als 98 Prozent der Frauen in der gleichen Lage zu treffen: Gerade mal zwei von hundert Geburten in der Schweiz finden nämlich zuhause im vertrauten Umfeld statt.

Wissenschaftlich betrachtet wäre jedoch nicht mehr Mut als bei einer Spitalgeburt vonnöten: Ein höheres Risiko besteht nämlich nicht – so Reiner Bernath, Solothurner Hausarzt. Statistisch stützt er sich auf Studien aus Kanada, Holland und England. Hinzu kommt seine persönliche Erfahrung aus 27 Jahren.

So lange nämlich gibt es die «Hausgeburts-Szene Solothurn». Eine Zweckgemeinschaft und ein Netzwerk, um die Bedürfnisse dieser zwei Prozent Mütter in spe in der Region Solothurn abzudecken; durch monatliche Besuche der Hebamme, durch zwei Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft und durch die Betreuung bei der Geburt selbst. Zurzeit zählt neben Bernath auch die Solothurner Ärztin Lilian Saemann zum Team, ebenso die Hebammen Renate Umbricht, Mirjam Schneider, Fanny Wäfler und Ursula Schüpbach.

Das Comeback der Hausgeburt

Noch um 1950 waren Hausgeburten weit verbreitet: Auch er sei auf diese Weise zur Welt gekommen, sagt der 69-jährige Arzt. Mit der Entwicklung neuer medizinischer Möglichkeiten und der Verbreitung der Spitalmedizin verschwand jedoch die Tradition der Hausgeburten allmählich aus dem öffentlichen Bewusstsein. «Zudem haben sich jene, die sie durchführten, oft zu viel zugetraut», ergänzt Bernath. So sei damals gegen die Hausgeburt grundsätzlich Stimmung gemacht worden: Sie sei zu gefährlich.

Seit den Achtzigerjahren steigt die Reputation dieser Geburtsform wieder – gestützt auf positive Erfahrungen. «Als ich 1986 meine Praxis eröffnete, gab es bereits wieder einige Hausgeburten.» Zusammen mit Ärztin Susi Bucher wurde er dann auch zum «Geburtshelfer» der Hausgeburts-Szene Solothurn. Rund 550 Kindern hat die Gemeinschaft seit damals bis heute beim Start ins Leben geholfen.

Motive für eine Spitalgeburt

Gemäss dem Bundesamt für Statistik sind die werdenden Mütter bei Hausgeburten im Durchschnitt 2,2 Jahre älter und oft Mehrfachgebärende, während sich jüngere Erstgebärende noch nicht trauen. Doch was bewegt Frauen dazu, sich für eine Hausgeburt zu entscheiden? «Bei vielen ist die Schwellenangst vor dem Weg ins Spital ein Grund», so Bernath. «Und Angst ist eine denkbar schlechte Voraussetzung, um mit dem richtigen Gefühl der Geburt entgegen zu blicken.»

Demgegenüber streicht der Hausarzt die Vorzüge der Hausgeburt hervor: «Alles findet in der gewohnten Umgebung mit vertrauten Personen statt», was sich auch auf den medizinischen Zustand von Mutter und Kind auswirke: «Gerade in den Wehenpausen kann sich die Mutter so besser entspannen. Das ist der Durchblutung zuträglich und verbessert die Sauerstoffversorgung.»

Im Gegensatz zur Spitalgeburt steht in den eigenen vier Wänden ein Schichtwechsel der Hebamme ausser Frage. Diese ist denn auch eine Vertrauensperson während der ganzen Schwangerschaftszeit, bevor sie die Mutter in «meisterlicher Zurückhaltung», wie Bernath sagt, auch auf dem letzten Wegabschnitt bis zur Niederkunft begleitet. Die Geduld, die in dieser «abwartenden Geburtshilfe» zum Ausdruck kommt, steht auch einem generell zunehmenden Trend gegenüber, sich für eine Kaiserschnitt-Entbindung auszusprechen, und zwar aus Gründen der Planbarkeit fürs Spital oder je nachdem auch der Mutter.

Wann Hausgeburt, wann nicht?

In vier von fünf Fällen ist eine Hausgeburt möglich – dann nämlich, wenn keine Komplikationen zu erwarten sind und auch keine unerwartete Schwierigkeiten auftreten. Mehrlingsschwangerschaften, Steisslagen, Frühgeburten oder weitere weniger häufige Probleme gelten als Hinderungsgründe für eine Hausgeburt oder als Grund, frühzeitig genug einen Transfer ins Spital ins Auge zu fassen.

Dazu pflege man gerade auch mit dem Bürgerspital eine gute Zusammenarbeit. Dennoch erlebt es auch Bernath, dass zuweilen Gynäkologen von der Hausgeburt abraten und beispielsweise das Risiko einer Behinderung durch Sauerstoffmangel ins Feld führen. Doch er relativiert: «So etwas könnte aber auch im Spital passieren.»

Zahlreiche Freudentränen konnte Reiner Bernath in den mehreren Jahrzehnten miterleben. Auch er teilt die Glückgefühle der frischgebackenen Eltern und sagt: «Hausgeburten waren und sind die Höhepunkte in meinem Praxisalltag.»