Jahrzehntelang hat er hautnah miterlebt, was im Bundeshaus zu Bern geschah: Der Solothurner Urs Marti gehört zu den profunden Kennern der Schweizer Politik. Als Bundeshausredaktor der Neuen Zürcher Zeitung stand er an der Seitenlinie des Berner Spielfeldes, auf dem sich die entscheidenden (und andere) Politfiguren tummelten. Und ab und an warf er auch mal selbst einen Ball ein. «Ich hatte fast gleich viel politisiert wie ein Nationalrat. Nur hatte ich übers Wochenende frei und musste nicht an eine Vernissage, um wiedergewählt zu werden», sagt Marti mit einem Lachen.

Jetzt lässt der Langendörfer, der die Schweizer Politik aus dem Effeff kennt, ein breites Publikum an seinem Erfahrungsschatz teilhaben. Er hat soeben sein zweites Buch veröffentlicht. In «Staat. Volk. Eidgenossen» erklärt er, wie das Schweizer Politiksystem tickt. Richter, Regierung, Parteien, Parlament und Volk werden beschrieben. Marti will erzählen, «wie unsere Institutionen entstanden sind und wie sie funktionieren». Herausgekommen ist ein Buch, das nicht nur die Institutionen beschreibt, sondern auch zahlreiche historische Informationen enthält, etwa warum Pfarrer nicht Nationalräte werden durften (und wie sie es trotzdem wurden). Angereichert ist das Buch, und das macht es besonders spannend, immer wieder mit persönlichen Anekdoten des Autors.

Marti sitzt beim Kaffee in der Solothurner Altstadt. «Im Leben eines Journalisten sammelt sich mit der Zeit sehr viel Papier an, auch Interessantes», sagt er. «Das wollte oder konnte ich nicht wegwerfen.» In der Schaltzentrale der Macht hat Marti gesehen, wer an den entscheidenden Hebeln hantierte (oder dies zu wenig tat). Und dabei spielte immer auch das Menschliche in der Politik eine Rolle, wie seine Anekdoten zeigen. Urs Marti hat beim Kaffee einige Müsterchen zu erzählen. Leo Schürmann etwa, der einflussreiche Oltner CVP-Mann, grüsste Marti nicht mehr. «Als er mich eines Tages auf der Treppe im Bundeshaus wieder grüsste, wusste ich: Jetzt ist es ihm ernst, er will Bundesrat werden», lacht Marti. Wie Schürmann nicht Bundesrat wurde, beschreibt er im Buch ebenso wie Blochers Abwahl oder Samuel Schmids Zwist mit der SVP. Ja, Marti hatte mit 37 amtierenden oder ehemaligen Bundesräten zu tun: Die Namen Moritz Leuenberger («kein allzu gutes Einvernehmen»), Kurt Furgler («konnte giftig sein») fallen oder Pierre Aubert, der Marti vor dem Staatsbesuch des französischen Präsidenten einbläuen wollte, Journalisten sollten doch François Mitterrand nicht immer nur als Sozialisten bezeichnen, sondern auch mal als «Président de la République». Der Kontakt zu den Bundesräten war nicht zufällig: Marti war lange Jahre auch Präsident der Vereinigung der Bundeshausjournalisten.

«Der Staat ist überall»

Wo der Autor politisch steht, verhehlt er nicht. In jüngeren Jahren war Marti selbst bei den Jungliberalen stark engagiert. Die NZZ, für die er arbeitete, war gar an den Sitzungen der FDP-Bundeshausfraktion dabei. Aber auch zu «Brandschwarzen» habe er gute Beziehungen gehabt, lacht Marti. Ebenso hat(te) er zu alt Bundesrat Samuel Schmid Kontakt: Mit ihm sprach er bei der Vorbereitung des Buches ebenso wie mit dem Nennigkofer alt Bundesrichter Michel Féraud, der ihm einen Einblick in das Funktionieren der Justiz gab.

Mit der aktuellen Politik hadert Marti, der Aktivismus der Politiker stört ihn. «Der Staat ist überall. Eine erschreckende Feststellung vor allem für liberal Gesinnte», sagt er und zitiert Bundesrat Georges-André Chevallaz, der sagte, «um gut zu regieren, muss man wenig regieren». Nicht was verhindert worden sei, sondern was gemacht worden sei, zähle aber nun mal für einen Politiker, zitiert Marti einen weiteren Bundesrat und kritisiert: «Parlamentarier, die sparen wollen, sind am schlechteren Hebel.» Das umfassende Wirken der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde kritisiert Marti ebenso wie einen überhasteten Entscheid der Bundesratsmehrheit für die Energiewende unter einer Frauenmehrheit im Bundesrat (O-Ton Marti: «Matriarchat»).

Hadert da einfach jemand mit den Veränderungen und blickt auf die gute alte Zeit zurück? Man täte dem Autor damit unrecht. Er ist topinformiert über die Bundespolitik und kennt sich trotz Pensionierung in den Dossiers aus. Gesamtkonzepte, grundlegende Auslegeordnungen vermisst er dabei, wenn der «sofortige Sofortismus» zum Zug kommt. «Solon hat im alten Griechenland bestimmt, dass seine Gesetze hundert Jahre unverändert bleiben sollten». Das wünscht sich Marti, denn: «Auch ein guter Staat hat keine Garantie, dass er ein guter Staat bleibt.» Man merkt: Ihm liegt etwas an diesem Staat, auch wenn er gerne weniger davon hätte.

75 Jahre hat er in der Stadt Solothurn gelebt. Seit vier Jahren wohnt der 79-Jährige mit seiner Frau nun in Langendorf. Sind ihm noch ein paar Worte zur Solothurner Politik zu entlocken? «Wir brechen jetzt lieber ab», lacht er. Draussen, in der Solothurner Hauptgasse, ist noch das Foto zu schiessen. Marti blickt auf die St. Ursen-Treppe, über die einst Willi Ritschards Sarg getragen wurde, und wo wenig später Otto Stichs Wahl gefeiert wurde. Auch dazu hat Marti im Buch eine Anekdote zu erzählen.

Aber trotzdem: die Solothurner Politik? Natürlich schweigt Urs Marti dazu nicht. Man kann seine Meinung nachlesen: Scharfzüngig und geistreich schreibt er Kolumnen dazu. Nicht mehr in der NZZ, sondern nun direkt im kantonalen FDP-Parteiblatt. Wobei, einen Unterschied gebe es da schon zu früher, lacht Marti. Mit der Pensionierung sei der Zeitdruck weggefallen, den es im Tagesjournalismus gibt. «Jetzt habe ich Zeit zum Denken, bevor ich schreiben muss.»