Solothurn
Das verlassene «Märchenschlössli» wird zum Ärztehaus

Der Aarhof in Solothurn wird unter Initiative von Andreas von Roll neu belebt. Aus dem denkmalgeschützten, verlassenen Sommerhaus nahe dem Aareufer soll ein Ärztehaus werden.

Andreas Kaufmann
Merken
Drucken
Teilen
Der Aarhof wird zum medizinischen Kompetenzzentrum.

Der Aarhof wird zum medizinischen Kompetenzzentrum.

Wolfgang Wagmann

Der Aarhof an der Römerstrasse hat einen 15 Jahre andauernden Dornröschenschlaf hinter sich: Nachdem das damalige Besitzerpaar 2001 zusammen freiwillig aus dem Leben geschieden war (siehe Kasten), das wildromantische Schlössliensemble mehrfach ihren Besitzer wechselte und angedachte Gestaltungsprojekte unrealisiert auf der Strecke blieben, kommt neues Leben in die Liegenschaft: Andreas von Roll, der zurzeit an der Obachstrasse 1 eine Orthopädiepraxis führt, steht in Kaufverhandlungen mit dem bisherigen Eigentümer Rolf Gafner. Dieser ist froh über die Lösung: «So wird dem verschlafenen Aarhof neues Leben eingehaucht.»

Konkret will von Roll bis Herbst 2017 ein Ärztehaus realisieren. «Der erste Stock ist dem Bewegungsapparat gewidmet», gibt der Arzt auf Anfrage bekannt. Dort soll unter anderem auch seine eigene Praxis für Orthopädie und Sportmedizin einziehen. Auf der zweiten Etage sind im Mietverhältnis Hausärzte, allenfalls auch eine Gruppenpraxis, vorgesehen. Damit will von Roll nicht zuletzt dem Mangel an Allgemeinmedizinern entgegenwirken – und: «Durch ein Ärztehaus lassen sich durch gemeinsam synergetisch genutzte Infrastrukturen wie beispielsweise einer Rötgenanlage Kosten sparen.»

Qualitativ optimiert zusammenarbeiten, ohne dass die Kosten steigen, lautet die Devise. Das Erdgeschoss soll für Therapieräume genutzt werden. «Gerade der Festsaal eignet sich für polyvalente medizinische Zwecke», so von Roll weiter. Bereits steht er mit Interessenten aus der Ärzteschaft im Gespräch. Gut möglich sei, dass auch andere Fachärzte als Mieter einziehen werden: «Rheumatologie, Neurologie Gynäkologie oder Urologie würden gut in den Mix passen.»

Liebhaber- statt Renditeobjekt

1939 war das im 17. Jahrhundert erbauten Sommerhaus unter Denkmalschutz gestellt worden, in den 1980er-Jahren wurde auch die umgebende Gartenanlage darin eingeschlossen. Die grösseren Eingriffe, die nun nötig werden, betreffen das Parkplatzregime und im Sinne der Rollstuhlgängigkeit einen Lift. Ostseitig des Schlösschens neben der Kieszufahrt sollen 18 (statt 23 gesetzlich vorgeschriebener) Parkplätze entstehen.

Und da die einzelnen Parkfelder zwischen den bestehenden Bäumen angelegt werden, sind auch keine Rodungen vonnöten. Der Lift wird – von aussen nicht sichtbar – im hinteren Teil des Hauptgebäudes eingebaut. Ansonsten bleiben der grösste Teil der historischen Bausubstanz erhalten: Malereien, alte Verputze, Täferstrukturen oder auch den Blickfang der Wendeltreppe.

Ein Sommerhaus mit Geschichte

Um 1610 wurde das Bijou im Obachquartier durch den Ratsherrn Werner Müntschi als Sommerhaus gebaut, gelangte später in den Besitz der Familie Wallier. 1877 kam der Aarhof in den Besitz des Apothekers Albert Pfähler. Unter den späteren Eigentümern Wilhelm und Gertrud Pfähler-Bloch begann 1969 eine gross angelegte Sanierung des Wohnhauses. 2003 wählten die Beiden den gemeinsamen Freitod.

Diesen hatte das Ehepaar bereits 1927 vereinbart – im Wunsch, nicht ohne den jeweils anderen weiterleben zu wollen. Mit Josef Ruggle (Reinach BL) und Rolf Gafner (Meiringen BE) folgten zwei Eigentümer, bei denen die Liegenschaft ungenutzt brach lag. Versuche, die Liegenschaft umzunutzen (z.B. Wohnansiedlung), kamen an hohen denkmalpflegerischen Hürden zu Fall. Stilistisch ist der Aarhof in die spätgotische Landsitz-Architektur einzureihen. (ak)

Quelle (u.a.): Stefan Blank und Markus Hochstrasser. «Die Kunstdenkmäler des Kantons Solothurn (Band II) / Die Stadt Solothurn II, Profanbauten», 2008.

«Wir standen von Anfang an mit dem Bauherrn in gutem Kontakt», sagt Urs Bertschinger, Mitarbeiter der kantonalen Denkmalpflege. Letztlich sei es auch immer ein Abwägen, wie viele Änderungen zugelassen sind: «Aber der Aarhof stand jetzt lange leer und blieb ohne Unterhalt.» Mit von Roll habe man einen lokal ansässigen Bauherrn. «Da unsere Familie seit nun 500 Jahren auch das von-Roll-Haus in der Altstadt besitzt, stehen wir schon seit langem in gutem Kontakt mit der Denkmalpflege», sagt auch der Bauherr.

Zur Erinnerung: Vor rund vier Jahren wurde bereits der prunkvolle «Rittersaal» in besagtem Altstadthaus für Anlässe neu erschlossen. «Als Renditeobjekt kann man den Aarhof nicht sehen. Aber ich habe nun einmal Freude an der alten, gut erhaltenen Bausubstanz», sagt von Roll. Dies gilt umso mehr, als dass neben Lift und Parkplätzen kaum grössere Eingriffe mehr nötig seien. «Auch um den Schallschutz im Haus brauchen wir uns kaum zu kümmern, da es sich ja um keine Wohnungen handelt.»

Wohnlich hingegen wird es nach seiner Philosophie dafür sehr wohl werden: «Ein Praxis im Aarhof soll kein Gebilde mit steriler, klinischer Ästhetik sein, sondern wie eine Wohnung.» Und die Nähe zur Obach-Klinik, wo er selbst auch Operationen seiner Patienten durchführt, wertet er als zusätzlichen Vorteil.

Zurzeit befindet sich das Bauprojekt im Bewilligungsverfahren. Die Öffentlichkeit dürfte von Rolls Vorhaben, das unter die Rubrik «stilles Gewerbe» fällt, wohl eher positiv gestimmt sein. Freuen dürfte sie sich besonders darüber: «Da das Grundstück für Patienten zugänglich sein wird, soll auch der Park für die Allgemeinheit geöffnet sein», so von Rolls Idee.