In der Vokalmusik des 18. Jahrhunderts gibt es noch viel zu entdecken. Doch nur wenige Werke finden den Weg auf die Bühne. Gelingt es doch, so sind es zumeist Opern von italienischen Komponisten wie Salieri, Paisiello oder eben Niccolò Piccinni. Mit der 1760 in Rom uraufgeführten Opera buffa «La Cecchina ossia la Buona Figliona» gelang ihm zu jener Zeit ein Kassenschlager. Der reputierte Komödienautor Carlo Goldoni schrieb das auf seinem Bühnenstück «La Pamela ossia La virtù premiata» basierende Libretto, welches Francesco Paolo Russo für die Bieler-Fassung bearbeitete.

Wie meist: Die Liebe im Zentrum

Wie bei den meisten Opern steht die Liebe im Zentrum. Anders als bei den Traumpaaren unserer Zeit, wo unstandesgemässe Verbindungen akzeptiert sind, wurde Mesalliancen früher verurteilt. Amouren unter Stand wurden diskret gepflegt, kamen selten ans Tageslicht und führten auch fast nie zu einem Happy End. Auch im Palazzo della Conchiglia sollten gleich und gleich heiraten. Doch der Marchese della Conchiglia (Willam Lombardi) verliebt sich in die schöne Dienerin Cecchina (Raquel Camarinha), die als Findelkind aufwuchs. Natürlich hintertreibt seine Schwester Lucinda (Rosa Elvira Sierra) die unmögliche Liebe, will sie doch ihre eigene Heirat mit einem Adeligen (Gregory Finch) nicht gefährden. Auch die beiden Dienerinnen Sandrina (Daniel Braun) und Paoluccia (Oriane Pons) missgönnen der Kollegin das Liebesglück. Zumal der von Sandrina angehimmelte Diener Mengotto (Bojidar Vassiliev) auch in Cecchina verliebt ist. Erst das Auftauchen des deutschen Soldaten (Dzianis Yantsevich) bringt die Klatschmäuler zum Schweigen und Cecchina mit der Geburtsurkunde die gesellschaftliche Gleichwertigkeit und den Brautschleier.

Tolle Ensemble-Leistung

Alexander von Pfeil hat die Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt, wo der Adel seine Privilegien eingebüsst hatte. Im schnörkellosen Einheitsbühnenbild von Piero Vinciguerra agieren Menschen aus unterschiedlichen Schichten. Doch egal ob blaublütig oder bürgerlich: alle träumen von der Liebe. Alexander von Pfeil hat die Wirrungen und Kapriolen mit viel Gespür für die Charaktere und Situationskomik inszeniert. Im Graben sorgten Harald Siegel und das Sinfonie Orchester Biel für ein beglückendes Begegnen mit einer musikalischen Rarität. Die Oper verbindet sentimental-lyrische, ernste und reine Buffa-Elemente zu einer stimmigen Klangsprache, die schlank und transparent dargeboten wurde. Das Ensemble erfreute mit einer ausgeglichenen, tollen Leistung. Die Damen sind den vielseitigen Anforderungen dieser Arien mit längeren Koloraturpassagen und Rezitativen (mit Francesco Addabbo am Cembalo) gewachsen. Und die gut disponierten Herren stehen ihnen in nichts nach. Piccinnis Musik ist eine Trouvaille, die charmant zum Leuchten gebracht wurde.

«La Cecchina ossia la Buona Figliona» Weitere Aufführungen in Biel: 21.4.; 30.4.; 12.5.; 24.5. In Solothurn: 17.4. (Premiere); 27.4.; 23.5. u. a.