Solothurn
Das Motto "Kunst, so selbstverständlich wie das Leben" gilt auch für sie

Die gebürtige Solothurnerin Annemarie Monteil wird heute Sonntag 90 Jahre alt. Sie wird als Grande Dame der schweizerischen Kunstkritik bezeichnet. Bis heute vermittelt sie, hilft weiter, erteilt Ratschläge. Eine ganz persönliche Annäherung.

Simon Baur
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Annemarie Monteil wird 90-jährig. zvg

Annemarie Monteil wird 90-jährig. zvg

Jeweils am Samstag, vor zirka fünfundzwanzig Jahren, wurde eine Kinderzeichnung im damals noch existierenden Magazin der «Basler Zeitung» abgedruckt.

Ihr war ein kurzer Begleittext beigefügt, der mit «AM» unterzeichnet war. Diese kleinen Miniaturen liessen erahnen, das sich hinter dem Kürzel eine grossartige Person verbergen musste, die diskret im Hintergrund blieb und den Kinderzeichnungen eine Sprache gab. «AM» schrieb aber auch kritische Texte und sprach am Radio über alle möglichen Themen der Kunst.

Unvergessen ein Gespräch über Sophie Taeuber, dem der Satz «Wenn Kunst so selbstverständlich ist wie Leben» vorangestellt wurde. Ein Motto, das auch für Annemarie Monteil gilt.

Die Grande Dame der schweizerischen Kunstkritik ist so was wie ein Leuchtturm für Generationen von Kunsthistorikern und Kritikern. Immer wieder vermittelt sie, hilft weiter, erteilt Ratschläge.

Nie aufdringlich, immer bescheiden und wohlüberlegt. Daneben ist Annemarie Monteil verschwiegen wie eine Auster, ein Begriff, der übrigens von ihr selbst stammt.

Heute Sonntag feiert sie einen runden Geburtstag. Ob es der Neunzigste ist? Einige Quellen sagen, er sei erst am 26. Dezember. Doch auch dies passt zu ihr.

Sie, die mich im Leben an Mary Poppins erinnert, die durchaus mit dem Papagei an ihrem Schirmknauf zu sprechen versteht und nur mit den Fingern zu schnalzen braucht, um ein Kinderzimmer aufzuräumen.

Sie, die mich in ihrem Beruf an Miss Marple erinnert, klug, scharfsinnig und wach: Annemarie Monteil ist vermutlich die einzige Kunstkritikerin der Welt, die an zwei Tagen im Jahr Geburtstag hat.

Glaubt man den gängigen Websites, so besuchte Annemarie Monteil in Solothurn die Schulen bis zur Matura. Ab 1948 studierte sie an der «Sorbonne» und der «Ecole du Louvre«» in Paris.

Danach kehrt sie in die Schweiz zurück und wird Mutter zweier Töchter. Beim Unterrichten des Fachs Kunstbetrachtung an der Gewerbeschule Solothurn lernt sie die Reaktionen junger Menschen kennen.

Wesentliche Einsichten zu Kunst und Handwerk verdankt sie den Kontakten mit Künstlern, Architekten und Sammlern. Seit 1955 schreibt sie Texte zu Geschehnissen und Fragen der bildenden Kunst, ab 1970 als vollamtliche Kunstkritikerin für diverse Zeitungen, Zeitschriften und Lexika in der Schweiz und in Deutschland.

1980–1987 war sie Stiftungsrätin der «Pro Helvetia» und erhielt 1982 den Kulturpreis des Kantons Solothurn. Bis heute ist sie eine gefragte Autorin von Büchern und Katalogen über Künstlerinnen, Künstler, Museen. Glücklich schätzt sich, wem sie auch heute noch einen Text schreibt.

Auf dem Bruderholz in Basel bewohnt sie ein Haus, das ihr vor Jahren verstorbener Lebensgefährte Hans Luder umbaute und mit einem diskreten, aber bestimmenden Farbkonzept versah.

Mit «ihrem Hans» verband sie nicht nur das Interesse an Architektur und Kunst, immer wieder sah man die beiden bei Konzerten, die von Paul Sacher dirigiert wurden.

Mit Paul Sacher und seiner Frau Maja Sacher verband Annemarie Monteil eine ähnlich tiefe und respektvolle Freundschaft wie auch mit Ernst Beyeler, für den sie jahrelang die «Saaltexte» der Galerie verfasste und ihm bis zuletzt zugeneigt blieb.

Auf einer Website steht zu Annemarie Monteil: «Kunstkritikerin, Kunstpublizistin, Hausfrau». Stimmt, Annemarie ist auch eine passionierte Gärtnerin und aussergewöhnliche Gastgeberin.

Das Gschwelti-Essen bei ihr an einem heissen Sommerabend mit der Künstlerin Ingeborg Lüscher ist bis heute unvergessen. Es ist dieser Gesamtklang aus Hausfrau und Kritikerin, ihre Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit und Liebe, die sie jeder Tatsache, jeder Handlung und immer wieder den Künstlern und Menschen entgegenbringt, die Annemarie Monteil so liebenswert machen.

Und es ist das Persönliche, das Subjektive in ihren Texten, die diese so aktuell und alltäglich zugleich machen. Bei Annemarie ist Kunst nicht nur «so selbstverständlich wie Leben», bei ihr ist Kunst Leben.

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