Kaverne
Das Loch vor dem Baseltor hatte einen eher unappetitlichen Zweck

Drei Wochen lang wurde alles gründlich untersucht und ausgemessen. Der ältere Teil der Kaverne wird als der alte Brückenbogen zum Baseltor ab 1502 interpretiert.

Wolfgang Wagmann
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Schmatzend versinkt der Turnschuh bis fast zum Knöchel im schwarzen Matsch. «Sch...» denkst Du – und hast völlig recht. Denn wir stehen vornehm ausgedrückt in der Sickergrube der angrenzenden Altstadthäuser. Deren Abwasser mit allem, was drin war, sammelte sich einst hier in der Kaverne vor dem Baseltor.

«Wir haben eine Sondierung gemacht», verweist Urs Bertschinger auf ein viereckiges Loch in der Gewölbeecke, «die Sedimente bedecken den ursprünglichen Schotterboden rund einen Meter hoch.»

Sedimente ist die vornehme Umschreibung des Bauforschers bei der Denkmalpflege für den Matsch. Aber lassen wir das. Rund 1,5 Meter hoch stand das Wasser einmal über dem Dreck, in der insgesamt 22,7 und zwischen 4,2 und 6 Meter breiten Kaverne. Wobei der südliche, viel ältere Teil der Spannendere, ja eine Sensation ist.

Hier unter dem Asphalt erstreckt sich quer das Kavernen-Gewölbe.
6 Bilder
Bertschinger vor der Baseltorbrücke von 1502.
Der Bauforscher Urs Bertschinger hat die Kaverne für die Denkmalpflege untersucht.
Der neue Teil der Kaverne in Richtung Norden.
Der alte Brückenbogen mit dem heuitigen Einstieg.
Das kurze Gangstück Richtung Süden.

Hier unter dem Asphalt erstreckt sich quer das Kavernen-Gewölbe.

sic

Die alte Baseltor-Brücke

«Es sind alles nur Hypothesen», hält Urs Bertschinger erst einmal fest. Aber zeitlich recht sicher ist er, dass das aus sauberen Tuffsteinquadern gemauerte, 4,2 Meter lange und 3,5 Meter hohe Gewölbe im Südteil die Brücke zum zwischen 1502 und 1536 neu erbauten Baseltor war.

«Wahrscheinlich führte eine Zugbrücke zum Tor», erklärt er die bis zu vier Meter Abstand vom Gewölbe- oder Brückenrand bis zum Tor. Ablesbar ist eine Zugbrückenkonstruktion am Baseltor allerdings nicht. Die Brücke führte über den Stadtgraben vor der mittelalterlichen Wehrmauer, und die Abwässer der angrenzenden Häuser wurden in den Graben geleitet.

Gut 130 Jahre blieb das so, ehe der barocke Schanzenbau vor dem Baseltor 1667 bis 1677 alles umkrempelte. Der alte Stadtgraben wurde zugeschüttet. Das Brückenjoch zum Baseltor blieb aber ein Hohlraum, abgetrennt mit einer Mauer im Norden und Süden. Hindurch führte ein Abwasserkanal, der südlich des Torbogens in den neuen, ausserhalb liegenden Schanzengraben mündete. Im Süden ist der mannshohe gemauerte Gang noch ablesbar, endet jedoch dann an einer Zumauerung.

Kaverne löst ein Problem

1835 herrscht revolutionäre Aufbruchstimmung, die Schulschanze mit dem äusseren Baseltor wird abgebrochen. Auch den Schanzengraben schüttet man dort zu. «Das Abwasser konnte nicht mehr in den Graben geleitet werden. Also riss man die Nordmauer zum alten Brückenjoch ab und erweiterte das Gewölbe zu einer 18,5 Meter langen Kaverne», so Bertschinger.

Seine Interpretation: Die Kaverne wurde zusammen mit dem älteren Brückenbogen offenbar als riesige Sickergrube genutzt, erschlossen im Norden von der schon bestehenden Zuleitung. Der südliche Abfluss dagegen wurde zugemauert.

Das aber war keine definitive Lösung – denn heute wäre die Kaverne wohl mit S...edimenten aufgefüllt. 1895 wird eine neue Abwasserleitung für die Häuser am Bastionsweg über das Gewölbe hinweg gebaut und durch die Lücke des Baseltors in die Hauptgasse geführt. Die Kaverne ist nun vom Abwasser «abgenabelt» und gerät in Vergessenheit – bis 1940 ein Lastwagen durchbricht.

Nun hat Urs Bertschinger drei Wochen lang alles gründlich untersucht und vermessen lassen. «Wir haben alle Daten in 3D, und mehr können wir nicht erfahren.» Mehr, das hiesse sämtlichen Matsch abtragen oder das ganze Gewölbe von oben her abzudecken – viel zu aufwendige Verfahren, zumal die Sondierung in der Gewölbeecke nichts Besonderes zutage geführt hat. Übrigens: «Unter dem alten Brückenbogen ist der Boden viel trockener und dichter als unter dem neuen Gewölbe.» Das wusste der Turnschuh leider nicht.

Tourismusdirektor Jürgen Hofer

Das Gewölbe wäre «nice to have»

Obwohl bei der Denkmalpflege archiviert, gilt Schanzenkenner Ruedi Erzer als «Wiederentdecker» der Kaverne, hatte er doch bei Schachtarbeiten auf das darunterliegende Gewölbe aufmerksam gemacht. Seine Begeisterung teilt Tourismusdirektor Jürgen Hofer insofern, als die Kaverne ein idealer, geschützter Startort für Stadtführungen insbesondere zum Thema Schanzen wäre. «Denn oft beginnen unsere Führungen draussen vor dem Baseltor beim bronzenen Stadtmodell.» Er habe mit Stadtpräsident Kurt Fluri über eine mögliche Erschliessung gesprochen, und sei sich einig gewesen, das die touristisch genutzte Kaverne «nice to have» wäre. Allerdings sähe er wie der Stadtpräsident auch, dass vor allem eine Erschliessung mit einem oder vielleicht gar zwei Zugängen sehr aufwendig wäre – vielleicht käme aber auch ein günstigere Variante mit einem Glasdurchblick aufs Gewölbe infrage. Ihm sei klar, so Hofer, dass solche Visionen keine Priorität auch auf dem Stadtbauamt haben, «aber es wäre schade, wenn das Gewölbe einfach so wieder vergessen ginge.»