Alt werden in Solothurn
Das Künstlerehepaar Roetschi möchte nirgendwo anders als in Solothurn leben

«Im Alter muss man nicht mehr überall dabei sein. Man wird wählerisch und sucht sich aus, was wichtig ist» Margrit und Alban Roetschi haben gelernt, mit dem Alter und den Verlusten zu leben.

Katharina Arni-Howald
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Künstlerin Margrit und Komponist Alban Roetschi sind beide in Solothurn aufgewachsen.

Künstlerin Margrit und Komponist Alban Roetschi sind beide in Solothurn aufgewachsen.

Hanspeter Bärtschi

Vor zweieinhalb Jahren ist das Künstlerehepaar Alban und Margrit Roetschi in die Seniorenresidenz Dörfli eingezogen und hat das geräumige Haus an der Loretostrasse der Tochter Raina und ihrer Familie überlassen. Die genossenschaftlich strukturierte Wohnform, die schöne Lage und die Zusammenarbeit mit dem Alterszentrum Wengistein bieten hohe Wohnqualität und Individualität.

Viele Bewohner erinnern sich an den Kran, der den kostbaren Steinway-Flügel auf den Balkon der Neuzuzüger hob. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der bekannte Solothurner Komponist, Pianist und Musikpädagoge nicht in die Tasten greift und seinen Lebensabend verschönert.

Weniger Glück hatte die Bildhauerin Margrit Roetschi, die sich von ihrem geräumigen Atelier trennen musste. «Hier habe ich nur noch ein kleines Kämmerlein im Keller ohne Wasseranschluss.» Das sei auch der Grund, weshalb sie heute nur noch mit Blech arbeite.

Die hellwache, 91-jährige Künstlerin mit den aufmerksamen Augen, die wie ihr Mann in Solothurn aufgewachsen ist, gibt unumwunden zu, dass es ihr nicht leicht fällt, alt zu werden. «Wer sagt, alt werden sei schön, sagt nicht die Wahrheit», lächelt sie, und es scheint, als ob die beiden Skulpturen auf dem Balkon einen sehnsüchtigen Blick in die Ferne werfen.

SERIE

Alt werden in Solothurn

In einer kleinen Serie stellen wir Seniorinnen und Senioren vor, die ihren Lebensabend in der Stadt verbingen.

Doch Margrit Roetschi macht sich nichts vor: «Im Alter muss man lernen, mit Verlusten zu leben und mit der neuen Situation umzugehen.» Und für Alban Roetschi ist klar: «Man muss die Vernunft walten lassen.»

Spazieren statt zum Psychiater

Das war so, als vor einigen Jahren vom Auto Abschied genommen werden musste und damit auch von den Reisen in die Toscana, wo das Ehepaar ebenso zu Hause war wie in Solothurn. Am Steuer machten den beiden vor allem die vielen Baustellen und Umleitungen während des Anschlusses des Fernwärmenetzes in der Stadt zu schaffen. «Das war nicht angenehm», so der 92-Jährige.

Trotz der Abstriche haben Alban und Margrit Roetschi das Glück, noch unabhängig und ohne fremde Hilfe wohnen zu können. Weder klingelt am Morgen die Spitex, noch steht in einer Ecke der gepflegten Drei-Zimmer-Wohnung ein Rollator.

Obwohl man das Ehepaar immer wieder beim Einkaufen antrifft, sagt Alban Roetschi: «Ich fühle mich am wohlsten zu Hause. Eigentlich hätte er in jungen Jahren gerne einmal in Wien oder einer anderen Musikhochburg gelebt. «Das wäre für einen Musiker wichtig gewesen.» Aber da war der Krieg, der das Reisen verunmöglichte, und später hätte man sich beruflich festigen müssen.

Auch die Teilnahme am kulturellen Leben in der Stadt ist nach und nach spärlicher geworden. «Im Alter muss man nicht mehr überall dabei sein. Man wird wählerisch und sucht sich aus, was wichtig ist», sagt er aus Überzeugung.

Umso mehr locken die Spaziergänge durch die Verenaschlucht. Dies umso mehr, als der Komponist der heiligen Verena eine Kantate gewidmet und diesen Ort bereits in der Jugend oft besucht hat.Was dies betrifft, hat er die volle Unterstützung seiner Frau: «Statt zum Psychiater sollte man lieber spazieren gehen, sagt sie, und der Schalk in ihren Augen ist unübersehbar.

Bis es nicht mehr geht

Auswärts essen gehen? Alban Roetschi winkt ab: «Meine Frau ist eine gute Köchin, ich brauche nicht auswärts zu gehen.»

Wichtig dagegen sei, dass man eine intakte Familie habe, die zusammenhalte. Er hat das Glück, dass sein Sohn Adalbert in seine Fussstapfen getreten ist und ebenfalls als Pianist, Klavierdozent und Chorleiter tätig ist. Und da sind noch sechs Enkel und zwei Urenkel, die das Leben von Margrit und Alban Roetschi bereichern.

Das Ehepaar hat Solothurn noch ganz anders gekannt, als es sich heute präsentiert. Trotzdem möchten die beiden nirgendwo anders leben als hier.

Erinnerungen an den ehemaligen Amthausplatz kommen hoch. «Es ist eine Schande, wie es dort heute aussieht.» Die Stimme von Alban Roetschi wird lauter. «Früher gab es in der Platzmitte einen prächtigen Springbrunnen.»

Auch mit der «klotzigen» Brücke im Westen der Stadt und der neuen Rötibrücke kann sich das Paar nicht wirklich anfreunden. «Das wäre nicht nötig gewesen», ist Alban Roetschi überzeugt.

Ob der nächste Schritt das in der Nähe gelegenen Alters- und Pflegeheim ist, das seine Dienste auch im Dörfli anbietet? Die beiden schütteln den Kopf. «Nein», sagt Margrit Roetschi. «Wenn es nicht mehr geht, sollte man einfach verdunsten können.» Doch so weit ist es am Kirchweg 10 noch nicht.

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