Solothurn
Das etwas andere Hotel am Ritterquai

Die Regio Energie und das Naturmuseum bieten kreuchend-fleuchenden Gäste ein Zuhause. Museumspädagogin Joya Müller hat das Waldbienenhotel mit Schülern eingerichtet.

Andreas Kaufmann
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Tannzapfen, Röhren und Holz: Museumspädagogin Joya Müller hat mit zwei Schulklassen die «Zimmer» im Hotel dekoriert.

Tannzapfen, Röhren und Holz: Museumspädagogin Joya Müller hat mit zwei Schulklassen die «Zimmer» im Hotel dekoriert.

Andreas Kaufmann

Es sind unzählige Logiernächte, die in keiner Solothurner Touristenstatistik auftauchen. Dennoch bringen sie neues Leben in die Stadt – im wahrsten Sinne des Wortes. Es sind Absteiger, die nicht nur auf Durchreise sind, sondern es sich hier häuslich einrichten, Familien gründen, überwintern, neu geboren werden. Die Rede ist von Wildbienen, Wespen und andere Insekten, ferner auch Spinnen, die sich seit einigen Wochen im neuen Wildbienenhotel am Ritterquai einquartieren.

Auf den Frühling hin hatte die Regio Energie Solothurn (RES) ihre westseitige Brachwiese zu einem grünen Kleinod in der Stadt umfunktionieren lassen und so im urbanen Umfeld einen biologischen «Trittstein» für Kleintiere geschaffen, die sich immer mehr auch in menschlicher Siedlungsnähe aufhalten.

Bei der Mitgestaltung bot ein fachkundiger Nachbar Hand: Das Naturmuseum Solothurn begleitete die Umsetzung der «grünen Insel», wie Museumsleiter Thomas Briner die Idee bezeichnete. Dazu gehören eine Magerwiese in voller Blüte, als Unterschlupf Heckensträucher, ein Baumstumpf, ein Steinhaufen sowie als Krönung das Wildbienen- oder Insektenhotel. «Für die Regio Energie Solothurn war es eine gute Gelegenheit zusammen mit dem Naturmuseum und dem Werkhof dieses sinnvolle Projekt zu realisieren», sagt Christa Krestan, Projektleiterin Marketing bei der RES, zur sozialen und ökologischen Signalwirkung des Projekts.

Selbst zum Wildbienen-Hotelier werden

Mit vier Seitenbrettern, einer Rückwand und ein paar Nägeln hat man den Rohbau des eigenen Insektenhotels schon fast beieinander. Wichtig ist, dass die obere Seite etwas länger ist, um als Vordach die späteren Bewohner des Hotels vor Witterungseinflüssen zu schützen. Viel Liebe zum Detail und Kreativität sind dann bei der Inneneinrichtung gefragt. Durch unterschiedliche Materialien lassen sich vielfältige Nistgelegenheiten für die Wildbienen «zimmern». Beispielsweise werden Harthölzer mit Bohrlöchern mit unterschiedlichem Durchmesser (bis neun Millimeter) versehen, und zwar nicht auf der Seite der Jahrringe. Die hiesigen Wildbienen sind eher kleiner, weswegen sie oft auch die kleineren Bohrlöcher bevorzugen, um ihre Eier abzulegen. Es ist darauf zu achten, dass die Länge der Löcher in etwa dem Zehnfachen des Durchmessers entspricht. Die Löcher müssen jeweils innen wie am Rande abgeschliffen werden, sodass keine Fasern abstehen. Weiter eignen sich als Behausungen Bambusröhrchen, die beispielsweise in eine Blechbüchse gestapelt sind, aufgerollte Schilfmattenstreifen, Lehm-Sand-Gemische, Schneckenhäuschen, Tannzapfen, Holzwolle aber auch Zweige von Himbeere, Holunder oder anderen Sträuchern. Hier werden die Bienen das weiche Mark selbstständig herausarbeiten. Ein Stück totes Holz kann als Materialquelle für hotelfremde Wespen dienen.

Wichtig ist auch die Lage, in der das Bienenhotel zu stehen kommt. Ein trockener, wind- und wettergeschützter Ort mit Südausrichtung ist ideal, insbesondere aber sollten sich im Hotel keine Pfützen bilden. Als Nahrungsquelle dient am besten eine möglichst artenreiche Blumenwiese (oder Blumenkiste), wo zwischen immer Frühling und Herbst mindestens eine Pflanzenart blüht und Pollen zur Verfügung stellt. Und der wichtigste Tipp von allen: experimentierfreudig sein beim Bau und Betrieb des Wildbienenhotels. (ak)

Mehr zu Wildbienen im Internet unter www.wildbienen.info

Nach dem «Rohbau» folgte die Innendeko der sechs «Zimmer» durch zwei Schulklassen. Wie sich Joya Müller, Museumspädagogin des Naturmuseums, gerne erinnert, arbeiteten die Schüler in einem Workshop mit Inbrunst an der Umsetzung. Es wurden Materialien gesammelt, Stängel, Äste, mit Lehm gefüllte Töpfe, Tannzapfen, Röhren, Büchsen, Schneckenhäuser oder Holzstücke, in die Löcher als Brutstätten gebohrt wurden. Danach wurde der Rohbau ausstaffiert. Fast kunstvoll mutet denn auch die Behausung in seinem hölzernen Rahmen an.

«Zeig mir, wie du baust ...»

Und so vielfältig wie die einzelnen Appartements des Insektenhotels sind auch seine kreuchend-fleuchenden Gäste, die hier nisten, nachdem sie schwadronierend und ziemlich wählerisch ihre neue Behausung bestimmt haben. Die vorgebohrten Löcher werden – wenn die Grösse stimmt – in Beschlag genommen, zu einzelnen Brutkammern mit Trennwänden «parzelliert» und dann mit Nahrungsbeigaben für den Nachwuchs ausgerüstet. Bei den Bienen ist es Pollenproviant, der beigegeben wird, bei den Wespen sind Beuteinsekten als «Imbiss».

Interessant: Die Vorgehensweise und das Material, das eine Biene zum Verschliessen der Brutzellen verwendet, ist für die Bestimmung der Art oftmals aussagekräftiger als das Aussehen der Biene selbst. Die Maskenbiene schliesst ihre Brutzellen mit einem dünne, folienartigen Zellophanhäutchen ab. Die Blattschneiderbiene «tapeziert» die Trennwände aus Pflanzblättern. Andere tierische Baumeister verwenden Lehm, Sand oder kleine Steinchen zum Verschliessen der Nestzimmer. «Zeig mir, wie du baust, und ich sag dir, wer du bist», lautet die Devise.

Seit Mai nun herrscht Hochbetrieb im etwas anderen Hotel am Ritterquai. Und ab und zu schaut auf der «grünen Insel» auch menschlicher Besuch vorbei, um diesen simplen und doch interessanten «Bildungsfernseher» im Freien zu begutachten. Bei einer Vielfalt von rund 600 Wildbienenarten allein in der Schweiz sieht man auf diese Weise einiges, das von der Honigbiene abweicht. «Faktisch ist nur ein kleiner Anteil der Bienenarten staatenbildend», erklärt Müller. Die meisten nämlich sind solitär, das heisst, sie leben allein und sind damit auch «alleinerziehend» – oder es sind Mischformen. Und es sind Gesellen, die man am Sonntagmorgen eben nicht auf der Etikette der Honigglases entdeckt.

Mut den «Bienenhoteliers»

Für die überwiegende Anzahl der Bienenarten in der Schweiz herrscht «Wohnungsnot», wie auch die Infotafel vor Ort erklärt. Womit sich auch die Notwendigkeit solcher Refugien wie jenem am Ritterquai erklärt. Entsprechend gross war der Ansturm, als das Naturmuseum im März einen Workshop zum Bau eines eigenen Insektenhotels lancierte (siehe Kasten): «43 Bienenhotels im Eigenbau trugen die rund 130 Teilnehmer so nach Hause. Unser zur Werkstatt umfunktioniertes Untergeschoss war proppenvoll.»

Und das Museum stand den frischgebackenen Hotelgründern mit Rat und Tat zur Seite. Obwohl es im Grunde nicht viel mehr braucht als Mut und Experimentierfreude, wie Joya Müller weiss. «Denn falsch machen kann man wenig, die Leute brauchen lediglich einen kleinen Impuls und eine Ermutigung, es einfach mal auszuprobieren.» So erhielt Müller auch schon Anfragen von Eltern, die fürs Unterhaltungsprogramm eines Kindergeburtstages die Bauanleitung eines Insektenhotels bereithalten wollten.

Doch wie nun kommen die Wildbienen in der Stadt zurecht? Eine gute Frage, mit der sich das Naturmuseum immer wieder beschäftigt – auch im Hinblick auf andere Tierarten. Bereits seine Dauerausstellung befasst sich nämlich mit der Siedlungsökologie. Dieses Teilgebiet der Ökologie untersucht die Bedingungen, die Wildtiere in besiedelten Gebieten antreffen. Der Stadtfuchs dürfte auf solothurnischem Boden ein Paradebeispiel sein. Im besonderen Fall des Wildbienenhotels wird die Frage durch die angrenzende Magerwiese beantwortet, die die Nahrungsversorgung im Hotel sicherstellt. Ebenso zählen dazu die Nist- und Reproduktionsmöglichkeiten und – nichts simpler als das – «Schärme» vor dem Regen. Und dann kann auch die «grüne Insel» ein bisschen natürliche Unberührtheit in die Stadt bringen. Und auch bei der RES zeigt man sich erfreut darüber, dass das Kleinod von vielen Leuten besucht wird.