1. August
Das «Enfant terrible der Schweizer Diplomatie» sprach in Solothurn

Einige Solothurner kannten den 1.-August-Redner vielleicht nicht, doch Johannes B. Kunz ist eine schillernde Persönlichkeit. Seine Rede begann in China.

Lucien Fluri
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Festredner Johannes B. Kunz bei seiner Ansprache

Festredner Johannes B. Kunz bei seiner Ansprache

Hanspeter Bärtschi

Was tut ein Mann, der etwas zu sagen hat, aber nicht immer sagen darf, was er denkt? Ein Diplomat etwa, dessen persönliche Meinung nicht mit der offiziellen Haltung der Schweiz übereinstimmt?

Vielleicht sollte der Mann dann keine öffentliche 1.-August-Rede halten. Johannes B. Kunz, Solothurner, Diplomat und SVP-Mitglied, hat es am Donnerstag trotzdem getan. Dafür hat er einen klugen Weg gewählt:

Man verpackt seine Aussage in eine Geschichte. Mit 1291 begann seine Rede, doch sie spielte zuerst nicht in der Schweiz, sondern in China. Aber dazu später.

Unkonventionell, das ist für Johannes B. Kunz nicht unzutreffend. Medien bezeichnen ihn als «Enfant terrible der Schweizer Diplomatie». Zu Hause empfängt der Diplomat im blau-violetten Afrika-Hemd statt im Anzug. Seine Partnerin stammt aus Afrika, aber er verteidigt die Ausländerpolitik der SVP und deren Schlagworte.

Seit wenigen Monaten lebt Kunz wieder in seinem Elternhaus in Solothurn. «Man könnte denken, der Cheib war nie furt», sagt er. Dabei lebte er in London, Abidjan, Budapest und Bonn. Zehnmal ist er in seiner Karriere umgezogen. Die letzten vier Jahre stationierte das Aussendepartement den UNO-Gegner er bei der UNO in New York.

Nachspiel für den EU-Gegner

Wie wird man zum «Enfant terrible» der Schweizer Diplomatie? Johannes B. Kunz ist Zug gefahren. Anfang der 1990er-Jahre arbeitete er im Bundeshaus in Bern. Dorthin pendelte er in der zweiten Klasse – weil man dort höre, was gesprochen werde.

Ausserirdische am 1. August

Über 100 Personen sind am 1. August angereist, um den Worten von Johannes B. Kunz und den Klängen des Tambourenvereins und der Stadtmusik Solothurn zu lauschen. Etliche weitere 100 Menschen kamen, um das Feuerwerk zu bestaunen. Darunter auch Tessiner und Romands - und dem Laserschwert nach wohl auch ein Ausserirdischer. (cnd)

Das brennende Thema war der EWR-Beitritt. Zug und Bundeshaus West erlebte er als zwei Welten. «Ich war der einzige erklärte EWR-Gegner im Bundeshaus West», sagt er. Die Nonkonformität habe man ihm in der Verwaltung, die Mittel und Wege zum EU-Beitritt gesucht habe, nachhaltig übel genommen.

1291: Zwischen China und Uri

Gesagt hat Kunz also doch schon einiges. Heute fürchtet er, dass Freiheit, Wohlstand und Demokratie in Gefahr sind. Denn mit der Globalisierung würden immer mehr fremde Gesetze auf die einzelnen Staaten zukommen, die sie ohne Volksbeschluss zu akzeptieren hätten. 2012 erschien dazu sein Buch «Der letzte Souverän und das Ende der Freiheit.» Als Schweizer Diplomat, der nach einer Strafversetzung aus Afrika «keine Aufgabe, aber dennoch den entsprechenden Lohn» habe, beschrieb ihn die «NZZ am Sonntag». «Ein böser Satz», sagt Kunz. Aber ganz falsch sei er nicht. «Es war nicht das, was ich gesucht habe. Aber die Departementsspitze wollte es so.»

Gemütliches Beisammensein bei Bratwurst und Lampionschein
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Die Stadtmusik Solothurn umrandet die Veranstaltung
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Festredner Johannes B. Kunz bei seiner Ansprache
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Feuerwerk
Feuerwerkspektakel über dem Schanzengraben
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Feuerwerkspektakel über dem Schanzengraben
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Die Zuschauer bestaunen das Feuerwerk

Gemütliches Beisammensein bei Bratwurst und Lampionschein

Hanspeter Bärtschi

Der kürzeste Weg führte über den Gotthard, wo erst solide Technik aus dem deutschen Bergbau den Transport ermöglichte. Die deutschen Metalllegierungen waren solid genug, um den Steg durch die Schöllenenschlucht an tragfähigen Ketten aufzuhängen.

Urner, Schwyzer und Unterwaldner fanden mit Transport und Wegzöllen ein gutes Auskommen. Weil ihr wirtschaftlich erfolgreiches Treiben nicht allen gefiel, standen die Urkantone zusammen, um gegen Ansprüche von aussen gewappnet zu sein.

Lehre 1 aus der Geschichte für die Gegenwart: Globalisierung ist kein neues Phänomen, schon im Mittelalter gab es eine globalisierte Wirtschaft. Lehre 2: Es gibt Gegenmodelle zur Globalisierung, wie die seit 1291 erfolgreichen Eidgenossen.

Daraus folgt Lehre 3: Bestimme die Regeln. Denn bereits 1315 hätte das Ende der Erfolgsgeschichte sein können. Doch gegen die übermächtigen Habsburger wehrte man sich in der Schlacht bei Morgarten.

Der Erfolg kam nur, weil die Schlucht als Kampfort gewählt wurde. «Wenn man als kleiner eine Chance haben will, muss man das Terrain und die Regeln beeinflussen», sagt Kunz.

In Bonn Weltgeschichte miterlebt

Was heisst das nun für die Gegenwart: Muss die Schweiz Daten nach Amerika liefern? «Eine kaputte Bank ist langfristig weniger schlimm als ein substanzieller Souveränitätsverlust. Für delinquente Banker müssen wir uns nicht Gesetze vorschreiben lassen», sagt Kunz.

Weltgeschichte erlebte Kunz in Bonn hautnah am eigenen Leib mit. Dort war er während der Wende stationiert. «An meinem letzten Arbeitstag in Bonn, beschloss der Deutsche Bundestag den Umzug nach Berlin», sagt Kunz.

«Wir haben damals wahrgenommen, dass es für die Schweiz schwieriger wird.» Die Zeit damals habe ihn geprägt. Die Hälfte des diplomatischen Corps sei noch im Kalten Krieg verankert gewesen. «Das Schema abzustreifen» sei nicht allen einfach gefallen.

Und heute? Gehört Johannes B. Kunz selbst nicht einfach zu einer Gruppe Diplomaten, die Mühe hat, mit den Veränderungen in der globalisierten Welt umzugehen? «Politik ist dazu da, Alternativen zu suchen», sagt Johannes B. Kunz.

Zu oft kommt in seinen Augen heute das Wort «alternativlos» vor. Dabei sei gerade der Wettbewerb der Ideen Bestandteil der Politik. «Die beste Idee hat sich herauszukristallisieren.»