TOBS
Das beste Kind frisst seine Eltern

Mit den letzten beiden Teilen der «Gegen»-Trilogie nimmt das Theater Orchester Biel Solothurn Demokratie und Liebe in die Mangel. Die Stücke werden noch bis Anfang Juli in der Rythalle aufgeführt.

Angelica Schorre
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Aufrütteln ist das Thema der Miniaturen, die in «Gegen die Demokratie» – «Gegen die Liebe» gezeigt werden.

Aufrütteln ist das Thema der Miniaturen, die in «Gegen die Demokratie» – «Gegen die Liebe» gezeigt werden.

TOBS/Ilja Mess

«Alle Politiker sind gleich»; «Die Wahlen werden so oft wiederholt, bis wir das gewünschte Ergebnis haben»; «Der Kapitalismus ist in einer Welt mit beschränkten Ressourcen unlogisch»; «Du bist nicht rentabel»; «Liebst du mich?» – «Das ist eine absurde Frage». Kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor?

«Gegen die Demokratie», «Gegen die Liebe». Das Schauspielensemble des Theater Orchester Biel Solothurn spielte die beiden letzten Teile der «Gegen»-Trilogie des katalanischen Autors Esteve Soler (Schweizer Uraufführung). Der erste Teil «Gegen den Fortschritt» wurde bereits 2010 aufgeführt.

Worthülsen, missbrauchte Begriffe

Kann man überhaupt gegen Demokratie und Liebe sein? Man kann! Vor allem, wenn die Begriffe in die Mangel von kritischer Distanz und skurrilem Humor genommen werden. In acht Minidramen werden Demokratie und Liebe thematisiert und – im schlimmsten Fall – ad absurdum geführt. Übrig bleiben missbrauchte Begriffe, Worthülsen. Der Zuschauer fühlt sich beim Lachen auf der sicheren Seite, im Vakuum der Absurdität aber herrschen Ratlosigkeit und Betroffenheit vor.

Da hängt ein Ehepaar im Spinnennetz und droht der Regierung im vollen Bewusstsein der eigenen vermeintlichen Macht bei den nächsten Wahlen «die anderen» zu wählen. Obwohl alle Politiker gleich sind. Die Frau bringt während des Gesprächs ein Spinnenmonster zur Welt, sie sind die glücklichsten Eltern der Welt – das Kind soll für eine gute Zukunft sorgen: Es frisst seine Eltern auf.

In einem weiteren Minidrama lassen ein Wirtschaftsführer und ein Politiker in zwei Tagen schmerzlos eine Stadt verschwinden, um sie mit geeigneten, sprich nicht denkenden Menschen wieder zu bevölkern. Oder gleich ein Bordell aus ihr zu machen. «Im Grunde ist Demokratie so rentabel wie McDonald’s.» Und verwirrend ist es, wenn man nicht mehr weiss, welche Zahl nach der Sechs kommt. Nun, man hat ja die Schulen abgeschafft. So warten nach der Sechs die Ewigkeit oder das Nichts. Und wenn die Eltern ihren 18 Jahre alten Sohn erschiessen, da er nicht rentiert, ist das «familiärer Personalabbau».

Groteske Gruselstücke

Diese kurzen Stücke können der Gattung des «Grand Guignol» zugeordnet werden: Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurden im Théâtre du Grand Guignol in Paris kurze, groteske Grusel- und Horrorstücke aufgeführt. Die Zuschauer fielen reihenweise in Ohnmacht. 1962 stellte das Theater seinen Betrieb ein: Kein Mensch war – nach zwei Weltkriegen – ob des Dargebotenen mehr schockiert. An der Premiere in der Rythalle fiel kein Zuschauer in Ohnmacht oder verliess protestierend den Saal. Denn: Was auf der Bühne gezeigt wird, ist keine Vorwegnahme einer Welt von morgen, sondern ist ein groteskes Bild der Wirklichkeit von heute. Und der Zuschauer, die Zuschauerin weiss und spürt: So siehts aus, wenn Menschlichkeit ausgerottet ist.

Die Inszenierung von Katharina Rupp (Bühne und Kostüme: Cornelia Brunn, Dramaturgie: Adrian Flückiger) überzeugt einmal mehr. Die bewährten Schauspieler des Ensembles schöpfen aus dem Vollen: Miriam Strübel überrascht mit kraftvoller Bühnenpräsenz und Wandlungsfähigkeit. Günter Baumann, Jan-Philip Walter Heinzel und Matthias Schoch stehen ihr in nichts nach. Kurz: eine wunderbare Leistung des Teams, das immer leicht und süffig, aber immer authentisch spielt. Trotzdem überlegt man sich: Hätte man die Zuschauer mehr aufrütteln können, wenn man noch einen «Zacken» zugelegt hätte? Oder sind wir alle einfach zu abgebrüht?

Weitere Aufführungen: 29.4., 1.5., 14.5., 16.5., 31.5., 3.6.; Rythalle Solothurn.