«Work where you live» – «Arbeite dort, wo du lebst» prangt als Mantra im Entrée des Ballenhauses am Ritterquai. Gerade eben wurde der letzte Buchstabe montiert. Es herrscht kreative Hektik kurz vor Eröffnung des Village Office Uferbau. Unter diesem Namen nämlich öffnete heute eine neue Arbeitswelt über drei Etagen ihre Pforten, in der Freiberufler, aber auch Angestellte grösserer Konzerne nebeneinander arbeiten sollen. 36 Arbeitsplätze – in diskreten Nischen oder offen – sind es, die hier in verschiedenen Mietmodellen, im Abo oder als Einzel- und Mehrfach-«Tickets» angeboten werden.

Dabei teilt man sich Büroräumlichkeiten und Infrastruktur, profitiert vom Raum für Begegnungen und vom branchenübergreifenden Austausch. Drei Sitzungsräume stehen für den flexiblen Einsatz zur Verfügung. «Das ‹Dorf› in unserem Namen steht als Metapher für die lokale Gemeinschaft», erklärt David Brühlmeier, Mitbegründer der schweizweiten Netzwerk-Genossenschaft «Village Office». Nun zählen nicht nur Freiberufler und Startups, sondern auch grössere Firmen zur Zielgruppe von «Village Office». «Gerade mit dem Abomodell können Unternehmen bis zu 30 Prozent an Kosten für einen Arbeitsplatz einsparen», sagt Brühlmeier. Dies, indem sie hier bei Fluktuationen flexiblen Arbeitsraum zumieten können.

Trend: Mobil und dezentral

Nun steckt noch eine weitere Absicht hinter dem «Flaggschiff» Solothurn von «Village Office»: Angesichts wachsender Pendlerströme sollen Menschen dort arbeiten können, wo sie auch leben. Und so wird das «Mobilitätsprojekt» mitunter auch vom Migros-Förderfonds und von der eidgenössischen Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität unterstützt. «Der Trend, mobil und dezentral zu arbeiten, lässt sich nicht aufhalten», skizziert Brühlmeier die Zukunft. «Deshalb braucht es Projekte mit Pioniergeist wie dieses.»

Das Projekt in Solothurn – ebenfalls als Genossenschaft organisiert –soll von lokalen Protagonisten getragen sein, ist die Devise des Netzwerks. Dazu zählt als eine der finanziellen Hauptträgerinnen auch die Ballenhaus AG mit Architekt Guido Kummer. Vor 15 Jahren nämlich ging das Uferbau-Gebäude, das «Ballenhaus», von der Stadt Solothurn in privaten Besitz über – mit der Idee, hier ein «offenes Haus» zu schaffen. Und das sei es dann auch geworden, meint Kummer, «wie eine Familie» – beispielsweise mit dem Einrichtungshaus Teo Jakob, dem Solheure, oder dem Tech-Startup Neeo. «Vom Ritterquai 8 bis 10 haben die Leute immer schon zusammengearbeitet.» Und da «Zusammen-Arbeiten» auch bei Coworking im Namen steckt, fiel auch die Wahl aufs Ballenhaus nicht zufällig.

«Aber auch die Standortvorteile waren massgebend», ergänzt Kummer und nennt die Nähe zur Stadt, eine verkehrstechnisch gute Anbindung, eine «ästhetisch und haptisch ansprechende Einrichtung» und nicht zuletzt den Aare-Bonus, von dem auch die ganze Gastromeile zwischen Solheure und Wengibrücke profitiere.

1000 Standorte als Ziel

Über 31 Standorte sind die unabhängig initiierten Partner der Genossenschaft «Village Office» verteilt. Auch das seit zweieinhalb Jahren aktive Coworking Loreto zählt zu diesem Netzwerk. Die von «Village Office» direkt begleiteten Flaggschiffe befinden sich in Windisch und nun eben in Solothurn. Das hier ansässige Projekt wird durch die Hochschule St. Gallen begleitet und entsprechend evaluiert. Schon heute nennt Brühlmeier die ambitiöse Vision: «Unser Ziel ist, dass bis 2030 jedermann einen Coworking-Standort innert 15 Minuten ab Wohnort findet.» Das wären dann geschätzte 1000 Standorte, rechnet Brühlmeier vor.

Hier in Solothurn sind laut Aussage von Kummer bereits rund 15 Jahresabos unter Dach und Fach. Zu den Nutzern zählt auch der Kanton Solothurn. Die kantonale Wirtschaftsförderung hat für das erste Jahr drei Arbeitsplätze als Förderprojekt für Startups gemietet, wie deren Leiterin Sarah Koch erklärt. Bereits mit zwei Personen eingemietet ist auch die Agentur «Sichtfeld», die sich auf multimediale Brandings von Neufirmen spezialisiert hat. David Oreiro, selbst Mitbegründer der lokalen Genossenschaft, hat sich schon eingerichtet und akklimatisiert. «Und schon in kurzer Zeit ist zu spüren, wie das Projekt die Zusammenarbeit beflügelt – und wie die einzelnen Branchen hier ineinandergreifen.»