Solothurn

«Dann kam alles anders»: Sie ist seit 50 Jahren bei den Spitalschwestern

Regula Scheidegger steht derzeit als Frau Mutter der noch achtköpfigen Spitalschwestern-Gemeinschaft vor.

Regula Scheidegger steht derzeit als Frau Mutter der noch achtköpfigen Spitalschwestern-Gemeinschaft vor.

Frau Mutter Regula Scheidegger blickt auf 50 Jahre bei der Spitalschwestern-Gemeinschaft zurück, in denen sich viel verändert hat.

50 Jahre sind vergangen, seit Regula Scheidegger, derzeitige Frau Mutter der Spitalschwestern-Gemeinschaft, das Versprechen ablegte, nach festen Regeln zu leben und dem Orden auf Lebenszeit zu dienen. In diesen Tagen hätte im Schwesternhaus an der Schöngrünstrasse die Ewige Profess gefeiert werden sollen, doch das Coronavirus machte der Oberin und ihren Mitschwestern einen Strich durch die Rechnung.

Trauer mag trotzdem nicht aufkommen im gepflegten Garten unter dem Sonnenschirm. «Wir verschieben den Termin einfach», sagt die ehemalige Primarlehrerin, die während neun Jahre an der Schule in Egerkingen tätig war. Und in ihrem langen Leben ausserhalb von eingrenzenden Klostermauern als Schwester im Bürgerspital nicht nur für eine gute, personenbezogene Pflege, sondern auch für Menschlichkeit und Würde, die Besserstellung des weiblichen Pflegepersonals und die Rolle der Frau in Kirche und Gesellschaft gekämpft hat. Und damit der frommen Weltflucht eine Absage erteilte.

Noch hat sich nicht genug verändert

Schon früh wehrte sich Mutter Regula gegen festgefahrene patriarchale Hierarchien und die Tendenz, Frauen als willige und schlecht bezahlte Arbeitskräfte einzusetzen. «Seit dieser Zeit hat sich in Bezug auf die Stellung der Frauen einiges verändert, aber noch immer nicht genug», stellt die erfahrene Pflegefachfrau fest, die die Entwicklung im Spitalwesen noch immer mit Interesse verfolgt und sich Sorgen darüber macht, dass viele ausgebildete Pflegefachfrauen aus ihrem Beruf aussteigen, weil sie mit den Bedingungen nicht einverstanden sind.

Seit den Siebzigerjahren haben sich das Gesundheitswesen wie auch das klösterliche und gesellschaftliche Leben markant verändert. Überall fanden eklatante Umstrukturierungen statt. Das Gesundheitswesen wurde immer komplexer und die Ordensfrauen konnten die ihnen aufgetragenen Arbeiten bald nicht mehr alleine bewältigen. «Der Mangel an Pflegepersonal wurde immer spürbarer und der Ruf nach modernen Krankenpflegeschulen unüberhörbar», so die Oberin der Spitalschwestern-Gemeinschaft, die am Bürgerspital auch eine Ausbildung als Pflegefachfrau absolviert hat, nebenbei als Oberschwester arbeitete und später selbst an der Schule unterrichtete. «Ich nahm meinen Beruf immer sehr ernst. In einem Krankenhaus muss immer alles bis zum letzten Detail klappen.»

Die strengen Normen sind nicht mehr

Doch nicht nur im Spital, auch in den eigenen Reihen fehlte es nach und nach an Nachwuchs. Zählte die Gemeinschaft anfangs des letzten Jahrhunderts noch 70 Schwestern, sind es heute gerade noch acht, sodass sich der Orden neuen Herausforderungen stellen musste. Eine der einschneidenden Massnahmen, an die sich vor allem viele ältere Schwestern gewöhnen mussten, war die äussere Erscheinung. Die typische Haube wurde im Laufe der Zeit durch einen Schleier und ein einfacheres Ordenskleid ersetzt.

Ganz im Sinne von Frau Mutter Regula bewegen sich heute die meisten Schwestern in einer weltlichen Kleidung. «Als ich dem Orden beitrat, waren die Bekleidungsnormen und die Tagesordnung sehr streng, und ich hatte am Anfang Zweifel, ob ich diesen Weg wirklich weitergehen will». Mit den Spitalschwestern in Kontakt gekommen ist die derzeitige Frau Mutter, als sie im Bürgerspital mehrmals ihren herzkranken Vater besuchte. «Ich litt unter der unbefriedigenden Situation im Schulwesen. Eigentlich hätte ich gerne Medizin studiert, aber dann kam alles anders.»

Heute ist Regula Scheidegger dankbar, dass sie auch in Situationen, die ihr alles abverlangten, durchgehalten hat und es ihr gelungen ist, sinnvoll für kranke Menschen da zu sein. «Wer mit Kranken zu tun hat, hat es auch mit Krankheiten zu tun, aber noch mehr mit Menschen.» Dies der Leitspruch eines reich erfüllten Lebens.

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