Jahre, Jahrezehnte und gar Jahrhunderte lang hat Samson, der biblische Löwenbezwinger, seine wahre Identität verborgen gehalten. Er hat Touristen, Stadtführer und Verfasser von Fachliteratur im Glauben gelassen, er sei Gedeon, Richter aus dem Alten Testament. Die Rede ist von der Statue, die auf der rechten Seite der St. Ursentreppe in Solothurn als Brunnenfigur thront.

Enttarnt wurde Samson während der letzten Sanierung der beiden Front- und der Attikastatuen: Bei näherer Betrachtung wurde zu Füssen des vermeintlichen Gedeon ein gezacktes Objekt als Eselskiefer identifiziert. Dies bestätigt Stefan Blank von der kantonalen Denkmalpflege: "Dieses Symbol wird Samson und nicht Gedeon zugeordnet."

Zudem sei man bei Recherchen für einen Band über das Inventar der Kunstdenkmäler der Stadt auf eine Textstelle von 1772 gestossen, wie Blank weiter weiss: "Der Bildhauer Johann Baptist Babel hatte den Auftrag, Moses und Samson zu fertigen. Von Gedeon ist nirgends die Rede."

Wo kein Löwe, da kein Samson – falsch!

Samson wurde üblicherweise mit einem Löwen dargestellt, den er der biblischen Erzählung nach mit blossen Händen tötete. Aus diesem Grund hielt man die Figur bei der Kathedrale bis jetzt nicht für Samson. Zudem ist der entlarvende Eselskiefer nur aus einem bestimmten Winkel sichtbar.

Während Gedeon somit aus dem Solothurner Stadtbild und aus dem gesicherten Stadtwissen verschwindet, muss oder darf Solothurn nun mit zwei Samsons vorliebnehmen. Der andere "Zwilling" befindet sich im Bereich des oberen Stalden und des Friedhofplatzes – mit Löwe.

Fehlt nun nur noch, dass sich die linke Figur nicht als "gehörnter Moses" herausstellt, sondern als der Leibhaftige...