Es sind 41 Helferinnen und Helfer mit unzähligen Fronstunden, denen Domenika Senti dankbar ist. «Die Stadt wertschätzt das Engagement der Freiwilligen ausserordentlich», lobt die Leiterin der Sozialen Dienste – angesprochen auf die Personen, die der Stadt bei der Unterstützung von asylsuchenden Familien, von Gruppen in Kollektivunterkünften und bei der Sprachförderung im eigenen Zuhause ehrenamtlich unter die Arme greift.

Sibylle Diem ist seit ihrer Pensionierung eine davon. Und nachdem die 73-Jährige eine Zeit beim Roten Kreuz als Beraterin punkto Patientenverfügungen tätig war, hat sie im September 2016 eine neue Aufgabe übernommen – als Betreuerin der Familie Tajik. Vater Rahmodin, Mutter Nassrin, sowie die 11-jährige Mahsa, der 13-jährige Ekram und der 7-jährigen Erfan leben in einer Wohnung im Obach-Quartier.

Zwei Mal geflohen

Angesprochen auf ihre Vorgeschichte dolmetscht Mahsa zwischen Farsi und Deutsch: Wegen Kriegswirren flohen Nassrin und Rahmodin Tajik in frühen Jahren mit ihren Familien aus Afghanistan nach Iran, sie als Kleinkind, er später als Jugendlicher. Dort lernten sie sich kennen und heirateten. Und dort kamen auch ihre Kinder zur Welt. Der Grund für ihre zweite Flucht bleibt unbekannt, die Frage danach unbeantwortet.

Auch Diem stellt sie nicht, hat sie nicht gestellt und wird sie nicht stellen: «Aus Gründen der Zurückhaltung fragen wir Helfer die betreuten Familien nicht nach den Umständen ihrer Flucht. Wenn, dann muss dieses oft traumatisch belastete Thema therapeutisch aufgefangen werden.»

Bekannt ist: Der 15. Dezember 2015 markiert für die Tajiks die Wende. Mahsa erinnert sich an viele der Eckdaten ihrer Reise und so auch an das Datum, als die Familie im Asylzentrum Kreuzlingen ankam. «Gerade die Sprache war am Anfang eine Schwierigkeit», erinnert sich Nassrin Tajik. Über eine weitere Station kam die Familie ins bereits wieder geschlossene Asylzentrum Fridau in Egerkingen. Erstmals Deutschunterricht, erzählen sie: für Erwachsene zweimal pro Woche, für die drei Kinder täglich. Ebenfalls erhielt der Familienvater die Möglichkeit, in der Asylunterkunft zu arbeiten.

September 2016

Auch die Ankunft in Solothurn hat sich Mahsa eingeprägt. Und von Anfang an wurde die Familie von Sibylle Diem begleitet, die mit Erstaunen feststellte, wie wenig Hilfe die Familie im Grunde benötigte. «Sie wussten auf Anhieb, wie man alltägliche Sachen in der eigenen Wohnung anpackt.» Wohl nicht zuletzt dank der Fridau. Starthilfe benötigte die Familie beim Schuleinstieg: «Es galt in kurzer Zeit sehr viele Punkte für die Einschulung zu klären», sagt Diem.

Und nicht mehr als vier Tage nach der Ankunft drückten Ekram, Mahsa und Erfan die Schulbank im Vorstadt-Schulhaus, zwei von ihnen erstmals überhaupt: Im Iran hatte nur Ekram die Gelegenheit den Schulunterricht zu besuchen – für eine kurze Zeit. Schreiben kann Mahsa Deutsch um einiges besser, als sie es auf Farsi jemals konnte. «Und Ekram gehört heute zu den besseren seiner Klasse», erwähnen die Eltern stolz. Kein Wunder, wenn alle drei gerne zur Schule gehen, wie sie sagen. «Oder in die Zentralbibliothek», ergänzt Mahsa. Bei Ekram, dem ältesten Sohn, zeigt sich heute, was seine jüngeren Geschwister noch erwarten wird: Neben Hochdeutsch – und Schweizerdeutsch – zwei weitere Fremdsprachen lernen. Während Mahsa auch schon Französischvokabeln auf dem Tablett büffelt, hat Ekram ausserdem noch Englisch auf dem Stundenplan.

Ob denn auch Diem die Kinder bei den Hausaufgaben unterstütze? «Das ist kaum nötig, das können sie selber gut genug.» Unterstützung sei hingegen nötig, wenn Post der Schule im Briefkasten ist, mit den Schulbehörden Kontakt aufgenommen werden muss oder ein Elterngespräch angesetzt wird. Auch, wenn es darum geht, für die Kinder einen Schwimmkurs zu organisieren. Oder wenn medizinische Besuche anstehen. «Das Vertrauen haben wir sehr schnell aufgebaut», sagt Diem rückblickend. Heisst auch: Manchmal geht die Helferin auch auf ein Picknick oder einen Badi-Besuch mit, «einfach so.»

Auch die Eltern büffeln – in Deutschkursen. «Ich habe von Anfang an gespürt, dass die Tajiks sich rasch integrieren wollen», stellt Diem fest. Das zeigt sich auch daran, dass der Familienvater im Klostergarten des Kapuzinerklosters mitwirkt und dort neben der eigentlichen Arbeit auch «e Bitz Land» selbst mit Gemüse bewirtschaften darf. Und durch ihren Aufenthalt in der Fridau hat die Familie auch freundschaftliche Banden zu anderen Afghanen geknüpft.

Und die Zukunft?

Jetzt wartet die Familie täglich auf besondere Post: Längst fanden Interviews für das Anerkennungsprozedere des Flüchtlingsstatus statt. Nun steht der Entscheid seit zweieinhalb Jahren aus – «eine grosse Belastung», weiss Diem. Obwohl die Daten nicht systematisch erfasst werden, spricht Domenika Senti von einer durchschnittlichen Wartezeit von nach wie vor zwei Jahren.

Was die Kinder der Tajiks nicht, davon abhält bereits ihre Berufsträume zu träumen. Ekram möchte Ingenieur werden, und Mahsa Zahnärztin, während Erfan «Polizist» zur Antwort gibt. Auch Vater Rahmodin Tajik hat Träume: In Iran war er landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter – und in die Landwirtschaft möchte er auch wieder einsteigen. Derweil muss sich Mutter Nassrin noch orientieren: Sie durfte zeitlebens in Iran nie einer Erwerbsarbeit nachgehen. Eins aber wissen alle fünf: In Solothurn – mit Aare und einer schönen Altstadt – fühlen sie sich angekommen. Was nicht zuletzt Sibylle Diems Verdienst ist. Sie selbst hingegen winkt bescheiden ab: «Durch diese Herzensangelegenheit bekomme ich selbst viel mehr, als ich gebe.»