Museum Blumenstein

Da leuchten Buben-, aber auch Büezer-Augen

Die neue Ausstellung «Von Tapeten zum Hüftgelenk» im Museum Blumenstein beleuchtet die Industriegeschichte der Region.

Schon die Dampfmaschinenmodelle im Treppenhaus haben es in sich: Die Watt'sche Balanciermaschine von ca. 1865, liebevoll in Hunderten von Stunden durch den Günsberger Heinz Uhlmann restauriert, ist ein Prunkstück. Die andere aus dem Modellierkurs von Anton Kaufmann wurde 1857 konstruiert, «in dem Jahr, als die Eisenbahn nach Solothurn kam.

Die Modelle sind im Unterricht der Kantonsschule eingesetzt worden. Denn schon damals mussten sich die Schüler mit neuen Technologien befassen.» Erich Weber, Konservator des Museums Blumenstein, ist sichtlich stolz auf seine neueste, bis im April dauernde Langzeitausstellung «Von Tapeten zum Hüftgelenk», welche die Industriegeschichte der Region erzählt. «Sie ist für die engere Region konzipiert, die Uhrenindustrie in Grenchen haben wir bewusst weggelassen», hofft Weber vor allem auch auf den Besuch von Schulklassen aus der Umgebung.

Wen es bis wann gab und noch gibt

Viel erklärenden Text, aber auch eine illustrative Grafik-Tafel, das Herzstück der Ausstellung, gibts im Obergeschoss-Korridor zu sehen. Nachdenklich stimmt die bunte Strichgrafik mit den Namen aller Unternehmen, die gekommen, gegangen und noch da sind: Von A wie Autophon bis zur 1988 gegründeten Zevac AG. Daneben oft jene Jahrzahlen, die nachdenklich stimmen: Cellulose Attisholz, zuletzt Borregard 2008, Papieri Biberist, zuletzt Sappi, 2011 aufgegeben.

Den Strukturwandel hatte schon Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler an der Vernissage beleuchtet, Stadtpräsident Kurt Fluri jedoch darauf hingewiesen, wie sich die Barockstadt zur Industriestadt Solothurn gemausert hat - und es teilweise noch ist. So ist ein Raum der Indienne-Fabrik von Franz Wagner gewidmet, die an der Hermesbühlstrasse schon 1762 entstanden war.

Ihr Prunkstück: Druckplatten aus Lindenholz, mit denen Wagner bis 1824 Baumwollstoffe mit Blumenmustern bedruckte. Nun, die Textilindustrie ist in der Region längst Geschichte, doch Inveso-Präsident Josef Maushart warb an der Eröffnung vor 100 Gästen eindringlich um gute Rahmenbedingungen für die hart kämpfende (Export-)Industrie.

Vom Kisag-Bläser bis zur Kanone

«Wir haben uns bei der Gestaltung der Ausstellung auf Objekte konzentriert. Die meisten wurden uns von ehemaligen Führungskräften der Firmen, die uns in einer Steuerungsgruppe begleitet haben, zur Verfügung gestellt. Die wenigsten stammen von uns», freut sich Erich Weber über die erfahrene Unterstützung.

Ausstellungs-Designer Werne Feller («Sowas» Biberist) hat sich einen zusätzlichen Gag einfallen lassen: Die Fensterscheiben wurden mit einer Klebfolie beschichtet, die alte Inneneinsichten in den Industriealltag zeigen.

Das wirklich Tolle sind jedoch die Objekte, mit denen viele Besucher Kindheits- oder auch Arbeitserinnerungen verbinden dürften: Die legendären Kisag-Bläser, Funk- und Telefongeräte der Autophon, Garnspulen der ebenfalls verschwundenen Kammgarnspinnerei Derendingen sind Exponate, die faszinieren. «Es ist ein bisschen eine ‹Buebe-Usstellig›», ist sich der Konservator bewusst.

Besonders wenn es um Martialisches wie das MG und die 20-mm-Kanone der umstrittenen, im 2. Weltkrieg untergegangenen Waffenfabrik Solothurn geht, aber auch die «Skelett-Hand» des Medizinaltechnik-Herstellers Stryker dürfte ein Hingucker sein.

Bubenaugen werden ebenfalls leuchten, wenn das Kranmodell der Truninger AG riesige Magnetspulen im Miniformat für Stahlblechrollen auf einen Truck hievt oder der Radioapparat «Melide», Jahrgang 1958, mit eingebautem Plattenspieler Musikalisches in erstaunlicher Hörqualität von sich gibt.

Dass es aber auch Industrie-Revivals gibt, beweist das «Uhren-Zimmer»: Ab 1972 musste in der Uhrenkrise «Roamer» Hunderte entlassen; jetzt stellen wieder 30 Beschäftigte in Solothurn «Roamer»-Uhren her.

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