Wohnen in der Altstadt – der für einige zum Alptraum gewordene Traum. Dabei sind viele Wohnungen tatsächlich traumhaft. Barocke Stuckaturen, Marmor-Cheminée, Eichenparkett, dazu der Blick aus übermannhohen Fenstern hinab in die quirligen Gassen der Stadt. Mitten im prallen Leben wohnen, das kann aber auch heissen: Lauter Sound vom Festsaal nebenan, krakeelende Nachtschwärmer auf dem Heimweg, Festlärm jedes zweite Wochenende und dann, wenn der Schlaf endlich gefunden ist, wird unten der Märet schon vor sechs Uhr aufgebaut. Jeden Samstag, jeden Mittwoch, plus einmal im Monat am Montag. Rabadämm! – es ist Tagwacht!

Wie einst im alten Rom

Neu? Nein, neu ist das Phänomen nicht. Rom wie die Kleinstadt Pompeij hatten Bordelle, Tavernen, Märkte und – Stadtpolizisten, um Ruhe und Ordnung sicherzustellen. In Pompeij verbot Kaiser Nero sogar für zehn Jahre sämtliche Gladiatoren-Auftritte, weil es zu blutigen Krawallen gekommen war. Der GC-Skandal oder die Berner Reitschul-Attitüde der Antike. Und im ruhigen Städtchen Solothurn? Wer lange genug in ihm gewohnt hat, erinnert sich an das grosse Plakat «Mach liisli, d’  Stadt schlooft!» Es muss also schon vor 50 Jahren Probleme mit dem Nachtlärm gegeben haben. Wer bis in die Neunzigerjahre in der hinteren Gasse zu Hause war, könnte davon ein Liedlein singen: Morgens ab 5 Uhr wurde Manor Food beliefert, dass es nur so schepperte auf dem Gassenpflaster. Und auch ungewöhnliche, aber nachtfüllende Lärmbelästigungen waren damals kein Tabu: Am Eidgenössischen Jodlerfest 1990 wurde bis morgens um fünf im «Ypsilon» gejodelt, was das Zeug hielt! Und etliche Solothurner Hochempfindliche hatten sich deshalb schon damals gleich in den Schwarzwald abgesetzt.

Ruhelos hinter dem Geranienkistli

Nun, dem werden die verbliebenen Hochempfindlichen entgegenhalten: Damals gabs den Landhausquai so noch nicht. Oder das Kofmehl. Oder, oder. Und es wird immer mehr, glauben sie. Und liegen damit so ganz falsch nicht. Aber für alle jene, die diese Angebote nutzen, ist Solothurn nicht mehr die Schlafstadt von einst, sondern ungleich attraktiver geworden. Was beim fast allnächtlichen Schlafraub allerdings wenig hilft. Und doch, das Rad lässt sich nicht mehr ganz zurückdrehen. Ko-Existenz ist gefragt. Wer dies als eine Zumutung, als Aufforderung zur «K.O.-Existenz» versteht, der muss sich wohl über kurz oder lang von seiner Vorstellung einer Stadt oder gleich ganz von ihr verabschieden. Die Stadt ist nun mal ein Schmelztiegel der verschiedensten Lebensansprüche, die sich nicht mit einem ewig ruhigen Abend hinter dem Geranienkistli auf dem Fenstersims vereinbaren lassen. Aus irgendeinem Grund hatte das Stedtli Solothurn schon vor 50 Jahren mit weniger als 15 000 Einwohnern über 100 Beizen. Dies erklärt vielleicht seinen heutigen, offiziellen Slogan: «Savoir vivre».

Die Fama von den ganz Bösen

Der neu zu gründende Verein Altstadtwohnen, der auch gegen dieses lautstarke Lebensgefühl ankämpft, pflegt daneben einige Klischees und Feindbilder: So würden internationale Geschäftsketten Solothurn den Charme rauben. Leute, nehmt die Tomaten von den Augen! Ganze Altstadthäuser sind seit Jahrzehnten bis unter die Dachsparren nur schnöde Geschäfts- und Lager-, aber keine Wohnräume mehr: Hirsig, später Bohnenblust, Sport Marbach, Bücher Lüthy und andere klingende Namen des Solothurner Gewerbes gehören ebenso dazu wie die (Schweizer) Warenhauskette Nordmann, später Manor, oder zuletzt die Raiffeisenbank, die ihr prominentes Altstadthaus Geschoss um Geschoss mit Büros zugepflastert hat. Dazu kommen abertausende Quadratmeter, die Stadt und Kanton für ihre Verwaltung beanspruchen, Kirchgemeinden ebenso, dann aber auch Ärzte, Juristen, Versicherungen, Banken, diverse Kulturtäter oder die Gastro-Szene und Hotellerie. Den noch real existierenden Rest-Wohnraum in den Altstadt-Häusern teilen sich viele Singles und junge Pärchen, die öfters nachts unterwegs sind, mit einem kleinen Bewohner-Segment, das für sich rundum und exklusiv beansprucht: «Mach liisli, d’ Stadt schlooft!»

Tut diese aber nicht, kann und will sie nicht. Aber zugegeben: Das Solothurn von heute Tag und Nacht zu lieben, weil man darin leben will, das ist ein schier unmöglicher Spagat. Doch nur wer ihn schafft, hält es hier auf die Dauer aus. Denn für die klare Mehrheit geht es primär um das eine in Solothurn: «Savoir vivre!» Zuerst. Und dann erst kommt: Gute Nacht! Die übrigens allen Befürchtungen zum Trotz immer noch gut geschützt ist: durch das geltende Bundesrecht.

Aber die Zeichen stehen auf Sturm: Soeben hat das Schwyzer Kantonsparlament jegliche Beschränkung der dortigen Lokal-Öffnungszeiten aufgehoben. Und zwar mit 95 zu 0. Ja richtig: zu null Stimmen!

wolfgang.wagmann@chmedia.ch