Der Anblick ist überwältigend und weckt Erinnerungen an die Renovation der St.-Ursen-Kathedrale. Eisenstangen und Holzstege soweit das Auge reicht. Nur wenig erinnert im Augenblick an eines der bedeutendsten Barockbauwerke der Schweiz und einen sakralen Ort, an dem sonst Messen gefeiert und Konzerte veranstaltet werden.

Der Blick schweift über die Besucher des Anlasses. Die ergrauten Häupter sind in der Mehrzahl. Was erstaunt - die meisten sind fest entschlossen, den Weg bis ins Gewölbe zu wagen, um dem Himmel ein bisschen näher zu sein. Nur ganz wenige bringen Wörter wie «Höhenangst», «Panik» und «gesundheitliche Gründe» ins Spiel. «Ich glaubte, ich kann es wagen, aber ich spüre, dass die Bedenken stärker sind», sagt ausgerechnet eine jüngere Frau.

Karl Heeb, Präsident der römisch-katholischen Kirchgemeinde, gewährt eine Galgenfrist. Er erzählt, dass das Gotteshaus der Jesuiten 1922 aus Sicherheitsgründen geschlossen werden musste, weil es sich «in einem desolaten Zustand» befand. Einige der Besucher erinnern sich, dass dort Ratten und Tauben gehaust haben. Erst 1952/53 kam es zu einer Gesamtsanierung des Innenraums. «Es dauerte so lange, weil die Besitzverhältnisse nicht geklärt waren», berichtet Heeb. Erst als einige Solothurner Persönlichkeiten nicht länger zuschauen wollten, wie die Kirche zerfällt, wendete sich das Blatt. Es kam zur Gründung der «Stiftung Jesuitenkirche Solothurn». Diese wirbt derzeit für Spendengelder. Nach den gesprochenen Beiträgen des Kantons, des Bundes, der römisch-katholischen Synode und der Kirchgemeinde Solothurn verbleibt ein restlicher Finanzbedarf von 500 000 Franken. Es könnte sein, dass die nach Frankreich blickende Madonna auf dem Dreieckgiebel der aus Solothurner Kalkstein gearbeiteten Fassade den Franzosen doch noch eine kleine Gabe entlocken kann.

«Als 2005 die elektrischen Installationen verbessert werden mussten, wurde festgestellt, dass auch sonst noch Handlungsbedarf besteht», klärt Heeb die CVP-Besucher über den einst beinahe dem Zerfall überlassene Kirche auf. «Der Substanzverlust war auch jetzt wieder unübersehbar.» Nach der Restaurierung der St.-Ursen-Kathedrale sei der Zeitpunkt ideal, die dort gesammelten Erfahrungen auch für die Jesuitenkirche zu nutzen.

Zurzeit sind zwei Stuckateure damit beschäftigt, nebst der aufwendigen Restaurierung des Hochaltars von 1704 sämtliche Oberflächen zu reinigen und die reichhaltigen Dekorationen, genau unter die Lupe zu nehmen und allenfalls auszubessern. Die erfreuliche Nachricht von Heeb: «Es gibt nur wenig Schäden, was für die hervorragende Qualität spricht.»

Nach dem riskanten Gang in die luftigen Höhen und einem kleinen, glimpflich verlaufenen Unfall, kommt die Stadtführerin Marie-Christine Egger ins Schwärmen: «Ich war überrascht von der Schönheit der Deckengemälde und den feinen Gesichtern der Engel, die dank der Restaurierung wieder voll zum Ausdruck kommen.» Andere sind bezaubert von den bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Pflanzen- und Blumenformen. Nach dem kleinen Abenteuer ist man schliesslich auch hoch erfreut über den Umtrunk in der nebenanliegenden Infothek.