Solothurn

«Corpus Delicti» spielt in der Mausefalle

Eva Maria Jäggi, Nourdin Khamsi, Sofia Mészáros und Anne-Catherine Kramis (v.l.) im Stück «Corpus Delicti».

Eva Maria Jäggi, Nourdin Khamsi, Sofia Mészáros und Anne-Catherine Kramis (v.l.) im Stück «Corpus Delicti».

In einer dichten und anspruchsvollen Inszenierung bringt das Theater Mausefalle Juli Zehs Zukunftsvision «Corpus Delicti» auf die Bühne.

George Orwells 1949 erschienener Roman «1984» dürfte allgemein bekannt sein. Juli Zeh schrieb 2007 das Theaterstück «Corpus Delicti» und lässt dieses im Jahr 2057 spielen. Beide Werke stimmen mit ihren Aussagen überein. Es geht um die totale Kontrolle der Menschen durch den Staat. Wenngleich Zehs Drama in der Zukunft spielt, sind die Parallelen zur Gegenwart unübersehbar. Die Schriftstellerin hat ein abgeschlossenes Studium als Juristin und ist ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg. Gleichzeitig hat sie auch deutsche Literatur studiert und sich nach einer kurzen beruflichen Tätigkeit als Juristin voll und ganz der Schriftstellerei zugewandt. «Ich sehe mich als Unterhaltungsschriftstellerin,» sagt sie von sich selber. Trotzdem hat sie zahlreiche Preise, darunter auch den Solothurner Literaturpreis und zuletzt dieses Jahr den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln, bekommen.

Doch was geschieht in Juli Zehs Zukunft?: «Die Methode» wacht im Jahre 2057 über das Wohl der Bürger. Ziel ist es, alle Krankheiten auszurotten. Dafür müssen die Leute sich präventiv verhalten. Sie müssen Sport treiben und sollen möglichst steril leben. Der Umgang mit dem, was wir Natur nennen, ist untersagt, denn es könnten Krankheitskeime übertragen werden. So wird den Leuten vorgegaukelt, dass der Staat – «Die Methode» - sie beschützt, sie aber in Wirklichkeit bis in die Intimsphäre kontrolliert. Methodenschützer nehmen den Platz der Geheimpolizei ein. Die Originalfassung des Stückes würde den Rahmen eines Theaterabends sprengen. Silvan Andraschko hat das Werk deshalb geschickt eingestrichen und für einen flüssigen Handlungsablauf gesorgt.

Eine überzeugende Ensembleleistung

Moritz, von Flavio Ackermann als eine Art Rocker und Rebell dargestellt, hat sich im Gefängnis das Leben genommen. Er wurde wegen Mordes verurteilt. «Die Methode» war froh, ihn so losgeworden zu sein. Seine Schwester Mia , eine herausragende Interpretation durch Sofia Mészàros, kann nicht an die Schuld glauben und beginnt an «Der Methode» zu zweifeln, was sie in der Folge selber zum Opfer des Systems macht. Ihr zur Seite die imaginäre Figur der Idealen Geliebten (Anne-Catherine Kramis), welche als innere Stimme oder als Geist des Widerstandes gedeutet werden kann. Natürlich hat «Die Methode» einen Chefideologen. Nourdin Khamsi gibt diesen Kramer als smarten Gesellschaftsmensch, welcher sich bei jeder Gelegenheit Plastikhandschuhe anzieht, um sich zu schützen. Im Anwalt Rosentreter, sympathisch gespielt von Lukas Rhiner, bekommt Mia einen Verteidiger. Das Gericht behandelt jeden Verstoss gegen die Prävention. Eva-Maria Jäggi (Sophie), Léonie Schütz (Bell) und Sophie Nyfeler (Hutschneider) werden ihren Rollen voll gerecht. Nadine Krieg (Lizzie), Thea Burkhardt (Lebertsche) und Jana Zimmermann (Driss) verkörpern die wankelmütige Stimme des Volkes. Das trifft auch auf den Journalisten Würmer (Patrick Streit) zu. Hanspeter Rolli, erstmals für die Technik verantwortlich, sorgte für die Geräusche und die präzise Ausleuchtung der wechselnden Schauplätze. Silvan Andraschko hat es als Regisseur verstanden, alle Darstellerinnen und Darsteller zu einer überzeugenden Ensembleleistung zu formen und hat mit einer geschickten Bühnenausstattung dafür gesorgt, dass die manchmal recht kurzen Sequenzen möglichst rasch aufeinander folgen konnten. Der starke Applaus des Premierenpublikums verdankte die Leistungen der Mitwirkenden.

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