Es ist drei nach zwölf», warnte Klimaforscher und Systembiologe Andreas Fischlin von der ETH Zürich, die rund 100 Zuhörer, die sich nach der Mitgliederversammlung der 2000-Watt-Gesellschaft Solothurn im Naturmuseum zusammenfanden. Fischlin, der als führender Wissenschaftler dem Weltklimarat angehört, hat mit anderen Naturwissenschaftlern Modelle ausgearbeitet, die deutlich machen, dass es für ein «Aufwachen im Treibhaus» höchste Zeit ist. Brisant: Mit dem heutigen CO2-Ausstoss werde die maximal zumutbare Erderwärmung dramatische Konsequenzen für die Menschheit haben, so Fischlin.

«Es stimmt, dass es in der Vergangenheit auch Klimaveränderungen gab», griff der nicht selten umstrittene Referent mit Solothurner Wurzeln ein Argument auf, das vor allem von jenen, die den Klimawandel als nicht «menschengemacht» darstellen wollen, immer wieder ins Spiel gebracht werde. In der Tat habe es immer wieder Überschwemmungen und Dürren gegeben, neu sei aber, dass diese in kürzeren Abständen und häufiger auftreten sowie erhebliche Konsequenzen hätten.

«Schon zuviel Zeit verstrichen»

Das Ende der Neunzigerjahre festgesetzte Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu beschränken sei zur Vermeidung grösserer Klimarisiken noch für ausreichend gehalten worden. Heute zeige sich, dass dies nicht mehr möglich sei. «Es ist bereits zu viel Zeit verstrichen», befürchtet der ETH-Professor. Um es noch zu erreichen, müssten die Industrieländer bis 2020 ihre Treibhausgasemissionen um rund 30 und bis 2050 um rund 90 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Oder mit anderen Worten: Der CO2-Ausstoss müsste auf Null gesetzt werden. Ein Ding der Unmöglichkeit: «Sehr viele Investitionen zwingen uns, weiterzumachen wie bis anhin.» Fischlin bedauert, dass zu wenig auf die Klimaforscher gehört wurde. Das Steuer noch herumzureissen sei schwierig. Zudem müssten alle Entwicklungsländer in die Reduktionsvereinbarungen eingebunden werden, was mit enormen Anstrengungen verbunden sei. Selbst bei einer geringeren Erwärmung als zwei Grad würde es für einige Systeme wie Packeis, Gletscher, die Wasserversorgung, den Insektenbefall oder die Korallenriffe kritisch.

«Das Referat hat mich aufgeschreckt, mir fehlen die Worte», sagte der Bella-cher Kleinunternehmer und Gemeinderat Beat Späti in einem nachfolgenden Podiumsgespräch. «Ich setzte mich für eine energieeffiziente Bauweise ein, aber mein Radius ist sehr klein, um etwas zu bewirken.» Der heutige Mensch sei auf Lifestyle und möglichst tiefe Preise ausgerichtet, ergänzte Nationalrat und Vizepräsident der Umwelt-, Raumplanungs- und Energiekommission, Stefan Müller. «Wir wissen, dass wir mehr machen müssten, aber wir sind an zahlreiche Vorschriften gebunden und immer wieder mit Ausreden konfrontiert.»