Nur so als Vision: Wer sich heute noch im grössten Pendlerstrom mit hohem Stresspegel zur Arbeit schleppt, muss in zehn, fünfzehn Jahren vielleicht bloss noch eine Viertelstunde unterwegs sein – zu einem Arbeitsplatz, wo er mit anderen Menschen branchen- und betriebsübegreifend Infrastruktur und Ideen teilt. Zumindest für so genannte «digitalen Nomaden» ist die Arbeitsform hinter dem Co-Working – nämlich ortsungebunden, individuell produktiv zu sein – längst keine Zukunftsmusik mehr: Ab dem kommenden Jahr dürften ungefähr eine Million Menschen rund um den Globus nach diesem Modell arbeiten, als Selbstständige oder in einer Ein-Personen-Dependance einer grösseren Firma.

Mit der Eröffnung des Coworking Space Loreto erreichte die Welle vor zwei Jahren auch Solothurn. Nun steht ein zweites Projekt am Start: Im Ballenhaus – besser bekannt als Teil des Uferbaus – fasst das schweizweit aktive Netzwerk unter dem Namen «Village Office» Fuss. Rund 40 Arbeitsplätze sollen hier realisiert werden, mündliche Zusagen haben die Initianten derzeit um die 13. Das als Genossenschaft organisierte Village Office fasst die Pläne am Standort Solothurn gar als «Flagschiff-Projekt» zusammen. Derweil leeren sich die gleichenorts die Räumlichkeiten des Einrichtungshauses Teo Jakob tätig, das seinen Standort in Solothurn aufgibt.

Gemeinsam und doch individuell

In unterschiedlich strukturierten Räumen auf drei Ebenen wird es neben den Arbeitsplätzen Treffpunkte zum Austausch und zur Vernetzung geben, ebenso gemeinsam geteilte Kopier- und Druckerinfrastrukturen, Rückzugsnischen, beispielsweise für vertrauliche Geschäftsangelegenheiten, Ruhezonen, Depotfächer – zudem mietbare Sitzungszimmer. Bereits aufgegleist ist die Zusammenarbeit mit dem benachbarten Partner Solheure.

Bodenpartner bleibt als Mieter weiterhin im Ballenhaus. Auch das hiesige Flaggschiff soll als eigene Genossenschaft geführt werden, einerseits, weil die Mitgestaltung hochgehalten wird, andererseits, weil Reingewinne in die Infrastruktur reinvestiert werden sollen. Unterstützt wird das Projekt von Engagement Migros, von der eidgenössischen Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität (Bund) sowie dem Verein Innovationsfonds. Ebenso ist «Village Office» UNO-Partnerprojekt in Sachen globaler Ziele zu nachhaltiger Entwicklung.

Der Umbau ist laut Eigentümer und Architekt Guido Kummer (Ballenhaus AG) bereits angelaufen. So soll am 20. Mai das Village Office Solothurn – zeitgleich mit dem 15-Jahre-Jubiläumsfest von «Solheure» – seinen Betrieb aufnehmen.

Raya Fankhauser gilt als Mitinitiantin für das Solothurner Projekt. Sie war selbst bei Teo Jakob tätig und hatte angesichts rückläufigen Kundenzahlen bereits die Idee, Coworking-Strukturen im Ballenhaus aufzubauen. «Da Teo Jakob aber nicht wollte und schliesslich entschieden hat, den Standort aufzuheben, habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und mit Village Office Kontakt aufgenommen, um zu merken, dass wir vom gleichen sprechen.»

Raya Fankhauser erklärt, wie die Idee des «Village Office» mit den Co-Working-Plätzen im Uferbau entstanden ist

Raya Fankhauser erklärt, wie die Idee des «Village Office» mit den Co-Working-Plätzen im Uferbau entstanden ist

Mobilität hinterfragen

«50 Prozent aller Erwerbstätigen könnten bereits heute unabhängig von ihrem Arbeitsort pendeln», erklärte David Brühlmeier, Mitbegründer von Village Office, anlässlich einer Informationsveranstaltung zu den Plänen im «Flaggschiff Solothurn». Und gerade mit Co-Working-Modellen sei es nun «angesichts aktueller Pendlerströme an der Zeit, das Mobilitätsverhalten zu hinterfragen.»

Doch es ist nicht ausschliesslich der Leidensdruck, der die Qualitäten der neuen Arbeitswelt definiert. Laut Angela Zellweger, ebenfalls Partnerin von Village Office, umriss anlässlich ihrer Präsentation die drei Säulen von Co-Working: Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Produktivität. Gerade durch den interdisziplinären Austausch erhofft man, neue Denkräume zu erschliessen. Und zur Nachhaltigkeit: Nicht zuletzt soll das Projekt auch der Stadt und dem örtlichen Gewerbe nutzen. Dies hofft auch Fankhauser: «Wir wollen, dass die Solothurner hier bleiben, statt zu pendeln.»