Filmtage
Cineasten kämpfen um den besten Platz - eine Typologie

Wer sind die Leute, die an den Solothurner Filmtagen vor den Kinos Schlange stehen? Der Versuch einer Typologie.

Fabiana Seitz
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Schlangensteher vor dem Landhaus, vermutlich dem Typus «Anständig» angehörig.

Schlangensteher vor dem Landhaus, vermutlich dem Typus «Anständig» angehörig.

Hanspeter Baertschi

Es ist kalt, es nieselt und jeder Normalsterbliche verkriecht sich unter die Bettdecke oder an den Schreibtisch im Büro. Nicht so die Cineasten. Alle Jahre kommen sie wieder von nah und fern herbeigeströmt und finden trotz berüchtigtem Nebel den Weg nach Solothurn. Denn die Leidenschaft fürs Kino kennt keine Grenzen. Vor dem grossen Kinospass ist aber zuerst mal Schlangestehen angesagt.

Findet man sich anderthalb Stunden vor Filmbeginn bei der gewünschten Spielstätte ein, lässt sich noch nichts vom späteren Ansturm erahnen. Der frühere Film wird noch gespielt, das Feld ist ruhig, der Feind schläft. Nur Filmtagemitarbeiter und ein paar verwirrte Presseleute auf der Suche nach der perfekten Story kreuzen den Weg. Doch wenig später sieht die Situation ganz anders aus: Menschenschlangen, wie man sie aus dem Europapark oder seit dem SNB-Entscheid vor den Bancomaten kennt, zieren die Solothurner Altstadt. Der Kampf um die besten Plätze ist eröffnet.

Obwohl man meinen könnte, Schweizer seien sich Schlangestehen gewohnt, bilden sich während der Filmtage doch verschiedene Typen aus – mit ganz eigenen Strategien, um an das erhoffte Ticket zu kommen. Nachfolgend der Versuch einer nicht ganz ernst zu nehmenden Typologie:

Der Organisierte: Frühzeitig und planmässig findet er sich im Kino ein, falls der gewünschte Platz nicht schon längst über Starticket reserviert ist. Mit dem ausführlich studierten Programmheft unter dem Arm platziert er sich prominent vor dem Ticketschalter, kramt sein Sandwich hervor und blickt stolz in die Runde. Im Kinosaal kennt der Organisierte die Plätze mit dem perfekten Sichtwinkel auf die Leinwand und den angenehmsten Luftverhältnissen (kein Durchzug, aber auch nicht zu stickig) in- und auswendig.

Der Profiteur: Interessanterweise meist verheiratet oder befreundet mit dem Organisierten (Typus 1). Der Profiteur sitzt auch noch fünf Minuten vor Filmbeginn im Café und schwatzt mit seinen Artgenossen über die wahnsinnig vielschichtige Charakteristik der Hauptfigur des zuvor gesehenen Filmes. Pünktlich zum Filmbeginn findet er sich im Kinosaal ein, in Erwartung, dass der beste Platz nur auf ihn wartet.

Der Bedächtige: Lässt gerne andere in der Reihe vor und zuckt die Achseln, wenns auch mal keinen Platz im Film mehr hat. Während alle anderen Cineasten längst den Worten des Regisseurs lauschen, spart sich der Bedächtige sowohl Gerede als auch Kurzfilm und nimmts gelassen. «Was sind schon fünf Minuten», denkt er sich und geht lieber noch schnell eine Zigarette rauchen. Spätestens wenn er aber in der Dunkelheit über ausgestreckte Beine stolpert, schwört er sich insgeheim, das nächste Mal doch ein wenig früher zu kommen.

Der Ehrgeizige: Auch bekannt als der «Filmtage-Marathonläufer» stellen für den Ehrgeizigen die Filmtage nicht eine Zeit der Zerstreuung und Musse dar, sondern eine Zeit des Wettkampfs; für gewöhnlich gegen einen imaginären Gegner geführt. Man will ja schliesslich auch was haben fürs Geld. So drängelt er sich beim Anstehen gerne mal vor und verfügt über gewiefte Techniken wie In-den-Nacken-Husten, um vorgelassen zu werden. Ausserdem sieht er sich einen Film eigentlich nie bis zum Schluss an, um zeitig in den nächsten Film zu hetzen.

Der VIP: Fühlt sich exklusiv und will auch so behandelt werden. Der VIP ist daran zu erkennen, dass er seine Akkreditierungskarte mit Stolz trägt, den roten oder gelben Schlüsselanhänger auf das Outfit abgestimmt. Die Akkreditierungskarte streckt er schon von Weitem in die Höhe, um vom niedrigen Volk durchgelassen zu werden. Wahre Berühmtheiten sind diesem Typus eher selten zugehörig.

Der Anständige: Er geniesst die Filmtage, steht in der Schlange brav auf seinem Platz und tauscht sich gerne mit anderen Anstehenden aus. Obwohl die fünf zuvor erläuterten Typen doch sehr interessant zu beobachten sind, gehören geschätzte 90 Prozent der Filmtagebesucher diesem letzten Typus an.