Welche Chancen sollte er schon haben, im grossen Veranstaltungstempel Kofmehl mit seinem Projekt überhaupt Gehör zu finden? Dies dachte sich der 19-jährige Chrigu Stuber, als er 2003 zum Hörer griff, um Pipo Kofmehl für eine Zusammenarbeit anzufragen. Die Idee des kleinen Riedholzer Vereins «Kultuhrwerk», dem Stuber angehörte: einen Newcomer-Contest mit Finale im Kofmehl zu veranstalten. Bereits im Vorfeld hatte dieser Zusammenschluss jugendlicher Veranstalter Rock- und Ska-Konzerte in Riedholz und in anderen Gemeinden durchgeführt.

Wilde Ideen sind gefragt

Das Kofmehl hingegen schien Stuber dann doch eine Nummer zu gross. «Ich hätte mir nicht erträumt, dass wir diese Hürde meistern.» Auch Pipo Kofmehl erinnert sich an das Projekt: «Damals dachte ich mir: Wenn einer so eine Veranstaltung auf die Reihe kriegt, muss man ihn integrieren.» Das werde noch heute so gehandhabt, erklärt Kofmehl: Wer gute, wilde Ideen hat, wird gefördert und gefordert. Und so blieb Stuber über zehn Jahre im Team, die letzten sechs als «Zeremonienmeister» des Konzertmanagements. «Doch am Anfang half ich Pipo, der damals noch allein im Büro war, beim Einpacken der Briefe», erinnert sich der heute 30-Jährige. Aber die Aufgaben wurden spannender, anspruchsvoller, zahlreicher.

Stuber denkt an die Zeiten, in denen durchschnittlich zwölf Bands pro Tag ihre CD zum Probehören einsandten. «So viele Tapes durchzuhören schafft kein Booker, erst recht nicht neben den anderen Aufgaben.» Und dennoch habe man dem Publikum in all den Jahren stets eine Vielfalt an Genres bieten können. «Diese Breite war uns immer wichtig – nicht nur ‹Patent Ochsner› und ‹Züri West› anzubieten, sondern auch Lesungen, Comedy, Theater, Flohmis sowie Konzerte jeglicher Stilrichtungen und ausgefallene Mottopartys. Vielschichtiges halt, das aus dem Rahmen fällt.» Selbst 70er-, 80er- oder 90er-Jahre-Bands, von denen man sich keinen Ansturm erhoffte, wurden rege besucht. Alt und jung gehörten auf einmal gleichermassen zum Publikum.

Wohlfühlfaktor hinter der Bühne

Nein, auf sein persönlich bestes Konzert will sich Chrigu Stuber nicht festlegen. Aber er erinnert sich an das Konzert der «Ärzte», die unter dem Decknamen «Laternen-Joe» eingeschlagen haben «wie eine Bombe». Auch sonst seien fürs ganze Team die Bandkontakte wichtig gewesen: «Wir haben ehrenamtliche Künstlerbetreuer, die sich gerne für einen Einsatz bei ihrer Lieblingsband eintragen. Andernorts hätte vielleicht jemand auf Stundenlohn für eine Band gearbeitet, zu der er keinen Bezug hat.»

Dass man sich mit dieser Motivation schweizweit als Konzerttempel positionieren konnte, erklärt sich für Stuber aber auch durch andere Gründe: So fanden einige Musiker mehrmals im Jahr den Weg nach Solothurn. «Es ist für sie etwas Besonderes, hier aufzutreten.» Dies sei auch der zentralen Lage und der Nähe zur Westschweiz zu verdanken. Ungemütliche Bands seien eher die Ausnahme: wie beim deutschen Rapper Marteria, der nach seinem allerersten Schweizer Konzert in der Raumbar gewütet hat – backstage sowie im Hotelzimmer ...

Dann erinnert sich Stuber auch an die wirklich schwierigen Momente, abgesehen von der Realisation der Lärmschutzwand und der Öffnungszeitenfrage. So bleibt der 11.11.11. in Erinnerung, als Linksautonome sich mit der Polizei eine Strassenschlacht lieferten – zufälligerweise in der Nähe der Kulturfabrik. Oder als vor einem Jahr vor der Bühne ein Stagediver zu Tode kam. «Doch bei aller Tragik: Selbst die negativen Ereignisse haben unser Team zusammengeschweisst.»

Bildungsstätte und Förderer

Ende Januar nimmt Chrigu Stuber Abschied vom Rostwürfel, um bei der Konzertagentur «Good News», also auf der anderen Seite der musikalischen Verwertungskette, eine neue Herausforderung anzunehmen. «Schon Chrigus Vorgänger Pascal Rötheli hat als Booker Fuss gefasst und ist heute fürs Programm vom Gurtenfestival und Bierhübeli mitverantwortlich», sagt Kofmehl und betont die Rolle der Kulturfabrik als Bildungsstätte, Nachwuchsförderer und «Durchlauferhitzer». Und da für Stuber auch ein Nachfolger bereitsteht, sei auch der anstehende Turnus ein Gewinn für alle.

Der 24-jährige Patrick Juchli wird im Mai – nach seinem derzeitigen Zivildiensteinsatz – als neuer Programmleiter des Kofmehl starten. Und zwar mit einem Rucksack an Vorwissen, das er sich in den vergangenen acht Jahren aneignete: «Eingestiegen bin ich in die Tool Crew, später wirkte ich im Garderobenteam, zuletzt als Anlassleiter.» Immer mehr habe ihn schliesslich auch das Booking interessiert. «Nun gilt es die Abläufe besser kennen zu lernen und dann das Programm wie gehabt weiterzuführen», so Juchli. Auch er misst der Vielfalt einen hohen Stellenwert bei: «Bei den Ü16-Partys sind die Eltern froh, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. Ebenso wichtig ist es aber, Anlässe im Ü20- oder Ü40-Bereich aufrechtzuerhalten.

Strategische Gratwanderungen

Die Herausforderungen der Musikindustrie werden indes während Juchlis Amtszeit nicht weniger werden. So hat auch Stuber wirtschaftliche Umwälzungen in diesem Bereich festgestellt. «Was auffällt, ist der Verkaufseinbruch bei Tonträgern, der den Künstlern das Leben schwermacht und damit auch uns.» Aber: «Wir hatten das Glück, dass im Kofmehl neben den Künstlergagen auch die Eintrittszahlen Jahr für Jahr anstiegen.»

Und: Die Leute seien bereit, mehr für ein Konzert auszugeben als noch vor 15 Jahren. Nichtsdestotrotz bleibe die mögliche Gewinnspanne für die Veranstalter eng bemessen. «Läuft ein Konzert sehr gut, so verdient man ein wenig.» Faktisch gehen nach dem Erreichen der Gewinnschwelle rund 80 Prozent der Einnahmen an die Band, 20 an die Veranstalter.

Eine grosse Herausforderung sei auch die Kurzlebigkeit der Musikstile. Während zurzeit insbesondere beim jüngeren Publikum elektronische Tanzmusik einen Boom erlebe, könne das in einem halben Jahr wieder anders sein. So müssen die Künstler bereits Monate vor der Erscheinung des Albums und des Tourstarts gebucht werden. «Es erfordert ein Gemisch aus Intuition und Erfahrung», sinniert Chrigu Stuber. «Und oft war es auch ganz einfach ein Glücksspiel.»