Es summt im kleinen Saal des Alten Spitals. Das Summen lässt den Raum vibrieren und ist damit genau richtig für Luca Fiorini (40). Der Chorleiter teilt die Luft mit beherzten Handbewegungen in Viertel und Achtel. Auf den hohen Ton folgt ein tiefer, dann wird gesungen: afrikanische Klänge, das steht fest.

Doch für hiesige Ohren sind die Worte nur schwer verständlich. Man vermutet, dass ein heiteres Ereignis zelebriert wird, und liegt völlig daneben. «Agaba-Yee», so heisst das Stück, werde in Ghana auf Beerdigungen gespielt.

Was da summt und singt, ist der «Chor der Nationen». Ein Chor eint Menschen zu einem Wesen, wird gemeinhin gesagt. Klingt irgendwie kitschig. Hat der Chor dann noch einen so grossen Namen, erhärtet sich der Kitschverdacht erst recht. Doch der «Chor der Nationen» beugt dem vor und erweist seinem Namen die Ehre.

Musik schafft Begegnungen

Heute zählt er über 50 Mitglieder aus 18 Nationen, zur aktuellen Formation gehören 25 Sänger. Wenn nicht gerade Sommerferien sind, wird wöchentlich geprobt. Dann trifft der 30-jährige Asylbewerber auf die Schweizer Rentnerin, die Christin auf den Moslem. Genau so, wie es sich Albert Weibel (64) vorgestellt hat. «Musik schafft Begegnungen», dachte der damalige Solothurner Integrationsdelegierte im Jahr 2006.

Jetzt steht der Präsident des «Chors der Nationen» hinter einem Bartischchen und herzt die allmählich eintrudelnden Chormitglieder. Sieben Jahre nach seiner Gründung hat der Chor Hunderte Proben und ein Konzert vor 1700 Zuhörern im Luzerner KKL hinter sich.

Geradezu unspektakulär mutet da das Aufwärmen an. Arme werden in die Luft gestreckt, Gesichter massiert und Bäuche weichgeklopft. Beim Einsingen folgen Töne in allen Klangfarben. «Ruhiger bitte, etwas kultivierter», fordert Chorleiter Fiorini.

In der zweiten Reihe rascheln derweil die Notenblätter. Bernenu Salamon (40) aus Äthiopien ist heute zum ersten Mal da. Seine Deutschlehrerin, erzählt er, habe ihm den «Chor der Nationen» empfohlen. In jeder Stimme – Sopran und Alt bei den Frauen, Tenor und Bass bei den Männern – gibt es drei bis sechs Sänger.

Ohne Scheuklappen

Der Neuankömmling wird fortan den Bass verstärken. Selbstredend teilt sich der Chornachbar das Gesangbuch mit ihm, ohne Scheuklappen wird Bernenu – alle sind auf Du und Du – in die Truppe aufgenommen. Während die einen ruhig dastehen, schwingen andere ihre Hüften oder tappen mit einem Fuss auf dem Boden.

Auf die Lieder vorbereiten müssen sich die Sänger zu Hause. Und das fällt nicht immer leicht, wenn zum Repertoire Stücke in zwei Dutzend Sprachen gehören. Die meisten davon sind eigens für den «Chor der Nationen» arrangiert worden. Trotzdem: Wie wird dieses verflixte«By-å-re sid waghte» im iranischen Liebeslied «Jan-e Maryam» denn nun ausgesprochen? Obwohl Luca Fiorini tüchtig in die Tasten seines Akkordeons greift, kommt der Chor ins Straucheln.

«Das muss klingen», mahnt Fiorini. Der Italiener – zerzauste Locken, bunte Leinenhosen und in der Probe ohne Schuhe – ist ein strenger Lehrer, aber einer mit Humor. «Was ist ein Lied, wenn ich es nicht verstehe? Ihr müsst nochmals hinter den Text.» Schliesslich steht das Jahreskonzert kurz bevor.

Sind Konflikte nicht programmiert, wenn sich Menschen aus verschiedenen Kulturen zum Singen treffen? «Überhaupt nicht, denn im Chor ist jeder gleich», lautet Albert Weibels einfache Antwort. Dass auf Politik kein Wert gelegt wird, beweist der Chor singend. Nahtlos folgt das israelische Protestlied «Shir Lashalom» auf das iranische Liebeslied. Ohne diesen Zündstoff auch nur mit einem Wort anzusprechen, wechseln die Sänger vom Arabischen ins Hebräische. So ist das eben in einem «Chor der Nationen».

Jahreskonzert Sonntag, 22. September, 17 Uhr, im «Alten Spital» Solothurn.