Steht die österreichische Begrüssungsformel «Küss die Hand, Gnä’Frau» über einem Walzervormittag, erwartet das Publikum eine Charme-Offensive im Dreivierteltakt. Christine Buffle, Kaspar Zehnder und Niclas Oettermann huldigten dem Wiener Schmäh, erwiesen sich – unterstützt vom fabelhaft aufgelegten Sinfonie Orchester Biel Solothurn – als gleichermassen galante wie amüsante Küss-die-Hand-Schmeichler. Kredenzten zwei volle Stunden Walzer, Polkas, Mazurkas und Operettenschmelz. Musik, die wie Champagner perlt und das neue Jahr spritzig und frohgemut willkommen hiess.

Da passte der Auftakt mit Richard Heubergers Ouvertüre zum «Der Opernball» mit der musikalischen Aufforderung «Komm mit mir ins Chambre Séparée» ausgezeichnet. Sich mit dem am Vortag übertragenen Neujahrskonzert in Wien messen zu wollen wäre vermessen. Und doch, in Solothurn war mit dem Sinfonie Orchester Biel Solothurn nicht nur ein wunderbarer Klangkörper zu hören, sondern einer, welcher es zumindest mit der Anzahl an Strauss-Kompositionen mit den nördlichen Nachbarn aufnehmen kann.

Mit den Walzern von Johann und seinem Bruder Josef Strauss verhält es sich ja wie mit anderen Wiener Spezialitäten: Irgendwann erliegt jeder und jede ihrem Charme.

Fluris flammender Appell

Vor fünf Jahren war das damalige SOB (Sinfonieorchester Biel) letztmals Gast am Solothurner Neujahrskonzert, nach der Fusion zu Tobs eröffnete das Sinfonie Orchester Biel Solothurn 2013 eine eigene Neujahrskonzert-Tradition. Diese wurde nun erstmals gemeinsam mit dem städtischen Neujahrsevent zelebriert.

Stadtpräsident Kurt Fluri nutzte die Gunst der musikalischen Stunde zu einem feurigen Appell für das Orchester, welches von den beiden Städten getragen wird: «Wir schätzen die Zusammenarbeit, um der Region ein hochklassiges Orchester zu ermöglichen, dessen Finanzierung eine einzelne Stadt überfordern würde.» Er dankte dem Stiftungsrat sowie den Gönnervereinen Freunde des Stadttheaters Solothurn und Freunde des Sinfonie Orchesters Biel Solothurn und animierte die Besucher, einem der Freundeskreise beizutreten.

Welcher Musikfan kann da widerstehen, wenn nach dem politischen Werbespott ein musikalischer folgt und Niclas Oettermann mit «Dein ist mein ganzes Herz» mit den Damen im Parkett flirtet. Sopranistin Christine Buffle holte mit dem Robert Stolz-Hit «Du sollst der Kaiser meiner Seele sein» gleich noch die Herren mit ins Förder-Boot.

Schuld ist das «Wiener Blut»

Der deutsche Tenor und die Schweizer Sopranistin brillierten als homogenes Bühnenpaar, formten mit tollen Stimmen und vitaler Bühnenpräsenz aus den Auftritten amüsante Kabinettstücke. Diskutieren sie als Graf und Gräfin im Duett «Das eine kann ich Dir nicht verzeihen» über Eheprobleme, werden sie sich schnell einig, dass das «Wiener Blut» an allem schuld sei, nehmen sich in die Arme und walzern von der Bühne. Niclas Oettermann gebietet über einen einschmeichelnden Tenor, der mühelos in die höchsten Lagen aufsteigt.

Christine Buffle singt ebenfalls mit agilem, gut gerundetem und höhensicheren Sopran. Kaspar Zehnder und seine Musiker standen dem Sängerpaar in Temperament und guter Laune in nichts nach, prägten mit dem schmissigen Josef Strauss Walzer «Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust» das Motto des Konzerts.

Nach den Hits aus der goldenen und silbernen Operetten-Ära kam mit dem 1975 verstorbenen Robert Stolz der wohl letzte Walzerkönig zu Ehren. «Zwei Herzen im Dreivierteltakt» aus der gleichnamigen Operette und aus der «Frühjahresparade» der Marsch «Jung sammer – fesch sammer» setzten das glanzvolle Finale unter ein mit Standing Ovations gefeiertes Neujahrskonzert.

Dessen Zugabe «Lippen schweigen, flüsterns Geigen» aus Franz Lehárs «Die lustige Witwe» versprühte einen Hauch Romantik und Nostalgie, bevor beim Apéro die realen Sektkorken knallten.