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CEO der Glutz AG: «Der Standort Solothurn soll gestärkt und ausgebaut werden»

Der CEO der Glutz AG Alexander Bradfisch sieht gute Chancen für das Traditionsunternehmen. Der Gesamtumsatz ist gegenüber dem Vorjahr um 9 Prozent auf rund 66 Millionen Franken gestiegen.

Franz Schaible
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Zuversichtlich: Alexander Bradfisch, CEO der Glutz AG. Hansjörg Sahli

Zuversichtlich: Alexander Bradfisch, CEO der Glutz AG. Hansjörg Sahli

Hansjörg Sahli

Die vor 155 Jahren gegründete Glutz AG investiert weiter in Maschinenpark, bauliche Infrastruktur und neue Technologien im Bereich Zutrittskontrolle. Das Solothurner Industrieunternehmen ist gut unterwegs und schafft Arbeitsplätze.

Sie leiten seit Anfang 2017 die traditionsreiche Glutz AG. Wie haben sich die Geschäfte in Ihrem ersten Geschäftsjahr 2017 entwickelt?

Alexander Bradfisch: Wir haben ein sehr gutes Jahr hinter uns. Der Gesamtumsatz ist gegenüber dem Vorjahr um 9 Prozent auf rund 66 Millionen Franken gestiegen. Dabei ist es erfreulicherweise gelungen, auf den ausländischen Märkten wie angestrebt stärker als in der Schweiz zu wachsen.

Wie haben sich die einzelnen Geschäftsbereiche – Schlösser und Beschläge, Zutrittskontrolle, Manufaktur sowie Industriekomponenten – entwickelt?

Das stärkste Wachstum verzeichneten wir mit einem Plus von 40 Prozent im Bereich Zutrittskontrolle, also mit intelligenten Schliesssystemen, die Elektronik und Mechanik zu einem Ganzen verbinden. Hier ist es gelungen, in der Schweiz einen respektablen Marktanteil zu erarbeiten. Wichtigster Bereich bleibt aber die Mechanik, welcher rund 60 Prozent an den Gesamtumsatz beisteuert. Der Bereich Industriekomponenten mit eigener Stanzerei läuft stabil. Wir haben hier einen Millionenbetrag investiert in eine Anlage für die Kleinlosfertigung. Sie ermöglicht die werkzeugungebundene Produktion von Stanzteilen, macht die Fertigung flexibler und wir sind dadurch wettbewerbsfähiger. Rund ein Fünftel der Industrieteile fliesst in die interne Weiterverarbeitung, der Rest geht an Drittkunden.

Die Glutz AG pflegt mit dem Bereich Manufaktur das «alte» Handwerk und stellt komplette Schlösser und Beschläge in Handarbeit her. Gibt es noch einen Markt dafür?

Ja. Es gibt weiterhin Liebhaber für solche Produkte. Die Nachfrage bleibt konstant. Es geht dabei auch um die Aufrechterhaltung der Tradition einer alten Handwerkskunst. Der Bereich ist auch ein Bekenntnis zur langen Geschichte der Firma, wurde die Glutz AG doch vor 155 Jahren gegründet.

Biennale in Venedig

Der Schweizer Pavillon hat an der 16. internationalen Architekturbiennale in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Es ist das erste Mal, dass ein Schweizer Pavillon diesen Preis erhalten hat. Das Schweizer Projekt trägt für das diesjährige Motto «Freespace» den Namen «Svizzera 240: House Tour». Dazu hat ein Architektenteam der ETH sieben Wohnräume in unterschiedlicher Grösse inszeniert, damit der Besucher abwechselnd überdimensionierte Türen oder scheinbar geschrumpfte Fenster erleben kann.

Mit dabei ist auch die Solothurner Glutz AG. «Wir haben für die Türen und Fenster unterschiedlich grosse Drücker und Rosetten gefertigt», erklärt Glutz-CEO Alexander Bradfisch. Diese speziell dimensionierten Produkte seien als Einzelstücke in der hauseigenen Manufaktur aus Messing gegossen, beschichtet und geschliffen worden.

Die Auszeichnung sei für das Solothurner Unternehmen sehr wertvoll, denn jeder Architekt kenne die renommierte Ausstellung in Venedig. «Wir können den Erfolg auch marketingmässig einsetzen, bietet unsere Einzelanfertigung doch enorme Möglichkeiten», sagt Alexander Bradfisch. (FS)

Welche Entwicklung erwarten Sie für das laufende Geschäftsjahr?

Wir sind gut unterwegs und erwarten bis Ende 2018 insgesamt ein Wachstum in ähnlicher Höhe wie im Vorjahr. Im Budget rechnen wir mit einem Plus von 8 bis 8,5 Prozent, Ende Mai lagen wir bereits darüber. Das sind auch gute Signale für die Mitarbeitenden. Wir investieren in Gebäude und in den Maschinenpark, was sich letztlich auch in einem Wachstum auszahlen sollte.

Worauf führen Sie die insgesamt positive Entwicklung zurück?

Wir profitieren einerseits von der Konjunktur, die Nachfrage in der Schweiz bleibt nach wie vor hoch. Andererseits ist es uns gelungen, im Bereich Zutrittskontrolle ein bemerkenswertes Wachstum zu generieren. Und in deren Fahrwasser kann auch der mechanische Teil profitieren. Wir können nicht nur Schlösser und Beschläge anbieten, sondern in Kombination Gesamtlösungen für den sicheren, komfortablen Zutritt.

Welchen Anteil erwirtschaftet die Glutz AG inzwischen mit dem Bereich Zutrittskontrolle?

Der Anteil liegt aktuell bei deutlich über zehn Prozent, er wird weiter steigen. Das Wachstum wird in den kommenden Jahren höher sein als im angestammten Geschäft mit Schlössern und Beschlägen.

Die Lage an der Währungsfront hat sich verbessert, der Franken hat an Stärke eingebüsst. Wie wichtig sind für die Glutz AG die Wechselkurse?

Zumindest hilft uns die Abschwächung des Frankens preisseitig beim Einstieg in die Auslandmärkte. Auf der anderen Seite laufen auf der Beschaffungsseite viele Verträge in Euro. Insgesamt heben sich die wechselkursbedingten Vor- und Nachteile ungefähr auf.

Sie streben eine weitere Internationalisierung an. Der Exportanteil liegt bei rund 35 Prozent. Sind Sie da einen Schritt weiter?

Der Anteil ist gewachsen. Dazu haben wir in die Auslandsmärkte investiert, in Österreich und in Deutschland den Aussendienst verstärkt. Parallel dazu läuft der Aufbau einer eigenen Verkaufs- und Vertriebsorganisation in England. Das sind Vorinvestitionen, die sich auszahlen werden. Wachstum ausserhalb des Heimatmarktes Schweiz ist notwendig, um das Unternehmen weiter zu entwickeln. Denn hierzulande ist das Potenzial beschränkt, weil wir bereits einen hohen Marktanteil haben.

Welches sind die wichtigsten Einzelmärkte ausserhalb der Schweiz?

Deutschland und Österreich, gefolgt von Grossbritannien. Gerade dort sehen wir ein hohes Potenzial, zählt doch allein London mehr Einwohner als die gesamte Schweiz. Asien und Nordamerika stehen zurzeit nicht im Zentrum. Um sich nicht zu verzetteln, liegt unser Fokus vorerst in den drei erwähnten Absatzgebieten.

Wie stark ist das Unternehmen von der Baukonjunktur abhängig?

Sicher ist eine Abhängigkeit da, neue Schliesssysteme und Zutrittskontrollen braucht es, wenn gebaut wird. Aber mit den Zutrittskontrolllösungen können wir speziell im Renovierungsmarkt profitieren. Die über ein Funknetz online vernetzten und gesteuerten Komponenten benötigen nämlich keine neuen und aufwändigen Kabelkanäle und Installationen am Gebäude. Das hilft mit, die Abhängigkeit von der Baukonjunktur zu reduzieren. Wir sind derzeit die Einzigen, welche die Kombination von Mechanik und Elektronik – sogenannte Zutrittslösungen - so anbieten können. Diesen Vorsprung wollen wir nutzen.

Generiert der gute Geschäftsgang auch neue Arbeitsplätze?

Ja, der Personalbestand ist gestiegen. Derzeit beschäftigen wir rund 315 Mitarbeitende, davon arbeiten rund 250 am Hauptsitz in Solothurn. Der Auftrag von der Besitzerfamilie ist klar: Der Standort Solothurn soll gestärkt und ausgebaut werden.

Auf dem Firmenareal in Solothurn wurde eine neue Halle gebaut. Ist das eine Lager- oder eine Produktionshalle?

Es handelt sich dabei um eine Produktionserweiterung, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Der Neubau erlaubt uns, das Wachstum abzubilden, die Fertigung und die Produktionsprozesse zu optimieren und letztlich die gesamte Fertigung hier zu konzentrieren. Der Ausbau ist Teil der nachhaltigen Entwicklung, der Internationalisierung und dient dem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Wir haben in den Maschinenpark investiert und dazu braucht es auch die bauliche Infrastruktur.

Wie hoch ist das Investitionsvolumen?

Wir haben insgesamt in den Maschinenpark und in die Halle einen mittleren einstelligen Millionenbetrag «gesteckt». Auch künftig werden wir weiter investieren, so etwa in die Infrastruktur für die Digitalisierung der Fertigung.

Kann daraus abgeleitet werden, dass der Standort Solothurn gesichert ist?

Ja. Wir wollen mit dem Standort Solothurn international wettbewerbsfähig bleiben.

Haben Sie ein Rezept, um die Fertigung in der Schweiz aufrechterhalten zu können?

Jede Unternehmung muss sich jene Produktsegmente suchen, in welchen man bereit ist, für Qualität zu bezahlen. Es ist also für uns nicht interessant, in jene Bereiche zu investieren, in welchen wir komplett austauschbar und vollständig vom Preis abhängig sind. In unserem Fall konzentrieren wir uns auf unsere drei Wachstumssegemente «gehobener Wohnungsbau», Spitäler, Pflege- und Altersheime sowie Gebäude für KMU und Verwaltungen. Wir wollen jene Kunden ansprechen, die es schätzen, einen Ansprechpartner zu haben, der Komplettlösungen in entsprechender Qualität anbieten kann. So ist es möglich, die Fertigung in der Schweiz zu behalten.

Das Unternehmen wurde vor 155 Jahren gegründet und ist immer noch in der Hand der Gründerfamilie. Wird es auch in zehn Jahren noch unabhängig am Markt operieren?

Davon gehe ich aus, ich habe keine anderen Signale. Die Glutz AG bleibt ein Familienunternehmen, deshalb wird ja auch kräftig in den Standort Solothurn investiert.

Sie waren zuvor beim Weltkonzern Bosch tätig, jetzt in einem mittelständischen Familienbetrieb. Wo liegen die Unterschiede?

Ganz klar in der Geschwindigkeit bei der Umsetzung neuer Ideen. Was wir jetzt in den vergangenen 18 Monaten hier durchgezogen haben, wäre in einem Grosskonzern mit vielen Hierarchiestufen unmöglich. Flexibel und schnell, das ist die Daseinsberechtigung von mittelständischen Familienunternehmen. Wer diese Arbeitsatmosphäre mag, ist bei uns richtig.