Carla del Ponte
Carla del Pontes Auftritt in Solothurn wird gefeiert

Carla del Ponte trat am Mittwoch vor der Akademie der Generationen auf. Das Publikum war begeistert. Und so manchen ergriff wohl während des Vortrags tiefe Betroffenheit.

Wolfgang Wagmann
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Carla del Ponte zu Besuch in Solothurn
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Stadtpräsident Kurt Fluri und Carla del Ponte.
Kurt Fluri hält die Ansprache.
Kurt Fluri hält die Ansprache.
Dann tritt die Juristin und ehemalige Botschafterin der Schweiz in Argentinien vors Publikum.
Carla del Ponte spricht im Rahmen der Akademie der Generationen in Solothurn
Der Saal ist gefüllt.
Blick ins Publikum
Im Anschluss gab Carla del Ponte noch Autogramme

Carla del Ponte zu Besuch in Solothurn

Hansjörg Sahli

Da steht sie nun - und kann nicht anders. Hohl im Kreuz, die Füsse etwas auseinander für einen sicheren Stand. Diesmal ists nur ein Referat, doch wie oft hatte sie mit diesem breiten Rücken dastehen müssen. Vor Kriegsverbrechern beispielsweise. 161 seien es gewesen, mit denen sie in Den Haag zu tun hatte. «Generäle, Minister, äusserlich Menschen wie du und ich. Mit Krawatte und so. Sie haben mir die Hand geschüttelt. Ich habe meine danach immer gleich gewaschen ...»

Carla Del Ponte beherrscht die Kunst der Pause. Lässt nachwirken, was sie gerade gesagt hat. Mit kehliger Stimme. Und dann wieder dieses burschikose Grinsen, garniert mit einem Glucksen. Sie muss es oft gebraucht haben. Arbeiten an Massengräbern aus den Zeiten der Kriegsgräuel in Ex-Jugoslawien. «Drei Wochen haben die Leute dort Leichen ausgegraben. Stellt euch das vor!» Dann sollte sie auch runter ins Loch. Was ihr doch ein bisschen zu viel gewesen sei. Also stürzte sich die Chefanklägerin anderntags in ihre beste Robe und meinte lakonisch: «So kann ich da nicht runter!» Sonst habe sie ja bei solchen Arbeiten stets Hosen getragen. «Also musste mein russischer Mitarbeiter ins Loch.»

16-mal vergewaltigt

Es ist diese unglaubliche Spannung zwischen Beklommenheit und eingestreuten witzigen Anekdoten, die bei aller Betroffenheit doch immer wieder die tröstliche Botschaft vermittelt: Hier steht ein Mensch, der sich ständig mit dem Horror befasst hat - und doch Mensch bleiben konnte. «Wissen Sie, der Kontakt mit den Opfern gab mir grosse Motivation.» Carla Del Ponte konnte mit 400 überlebenden Frauen des Massakers von Srebrenica reden, nachdem sie lange, lange zugehört hatte. Und Geschichten erfuhr, die nur noch Grauen und Ratlosigkeit hinterlassen. «Ein Täter verlangte von der Mutter das schärfste Messer in der Küche, womit er dann ihre Kinder umbrachte. Sie musste das Messer dafür auswählen.»

Scharf ging die Chefanklägerin auch mit der Praxis der Zeugeneinvernahmen in Den Haag ins Gericht. Einer Frau, die 16-mal vergewaltigt worden war, wurde das nicht abgenommen. Weil sie sich zwischen den Vergewaltigungen nicht hätte waschen können, sei die Zahl nicht eruierbar, so der Verteidiger damals. «Stellen Sie sich das vor!» Schweigen im Saal. Doch hartnäckig wurden die Drahtzieher des Völkermords verfolgt, gestellt, und verhaftet. «Die EU machte damals Druck in den Balkanstaaten, die EU-Mitglied werden wollten. Und so lieferten diese ihre Kriegsverbrecher aus.»

Beschossen und bespuckt

Das Risiko war stets dabei. Carla Del Ponte mimt nicht die Coole, sie ists. Vor einer Reise nach Montenegro habe man ihr mit der dortigen Verhaftung gedroht. «Da reisten wir nur zu zweit, ohne Mitarbeiter und senza documenti. Wie Schweizer Banker, wenn sie für ein Geschäft nach Italien fahren.» Wieder das Glucksen. Natürlich wurden sie in der diskreten Villa, kurz nach der montenegrinischen Grenze, nicht verhaftet. Und konnten mit dem Minister reden. Serbien war ein heisses Pflaster. Beschossen wurde sie, «und eine Frau schaffte es, durch die Polizeisperre bis zu mir vorzudringen. Sie spuckte mich an». Die verlangte Verhaftung von Ex-Rädelsführer Milosevic hatte das Klima in Belgrad aufgeheizt.

«Vom Flughafen bis zum Regierungssitz hingen an der Strasse viele Plakate. ‹Karla› verstand ich; das serbische Wort davor nicht.» Nach langem Winden rückte der Dolmetscher raus, was es hiess: «Hure». Auf der Rückfahrt, «da waren alle Plakate verschwunden». Natürlich lernte sie auch die Grossen der Welt kennen. Freundschaft verband sie mit der US-Aussenministerin Madeleine Albright; Bundeskanzler Gerhard Schröder zeigte ihr seine Wohnung in Berlin («er wohnte aber gar nie dort»); der französische Staatspräsident Chirac sei ein grosser Gentleman gewesen - «keiner konnte einer Frau die Hand küssen wie er».

Die syrische Tragödie

Trotz Pensionierung ist Carla Del Ponte noch bis im März in UNO-Mission unterwegs, und dokumentiert in Nachbarländern von Syrien die dortigen Gräueltaten. Und muss mit einer gewissen Ohnmacht einräumen, dass trotz 60 000 toten Zivilisten und 800 000 Flüchtlingen nichts geschehe, um die Kriegsverbrechen dort zu ahnden und zu beenden. «Die Schweiz sollte die USA offiziell ersuchen, einzugreifen», ist Del Ponte aus der Erfahrung heraus überzeugt: Wenn jemand was mache, dann die Amerikaner, «und zwar aus Prinzip.»

Die Konklusion ihres fast endlos applaudierten Vortrags: «Wir müssen grössere Risiken eingehen und Anstrengungen unternehmen, als alle, die Kriegsverbrechen begehen.» Der ausverkaufte Vortrag, eingeführt von Stadtpräsident Kurt Fluri, war der erste für die Akademie der Generationen im Vigier-Sommerhaus. Akademie-Inhaber Rudolf Erzer konnte im Herbst schon einen weiteren prominenten Referenten ankünden: Claude Nicollier.