Solothurn
Burger aus den USA? Dieser Konsumsimulator prüft das Gewissen

Wie nachhaltig kauft der Solothurner ein? Darüber gibt die Wanderausstellung «Clever - spielend intelligent einkaufen» Aufschluss. Die beiden «Konsumprobanden» Alphornistin Eliana Burki und Stadtpräsident Kurt Fluri haben sich schon mal gemessen.

Andreas Kaufmann
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Sabine Lerch ist die Projektleiterin von Clever
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Die Ausstellung sensibilisiert und liefert Antworten in Form eines praktischen Selbstversuchs.
Marguerite Misteli spricht zur Eröffnung. Die Solothurnerin ist Präsidentin der 2000-Watt-Region Solothurn
Kommunikationsleiter David Fritz, Stiftung Biovision
Solothurns Stadtpräsident Kurt Fluri und Alphornistin Eliana Burki eröffnen die Ausstellung Sie waren auch die ersten «Konsumprobanden».
Kurt Fluri mit dem Einkaufskorb unterwegs Der Stadtpräsident musste Proviant für ein fiktives Alpwochenende mit der Familie zusammenstellen.
Eliana Burki musste im Testeinkauf eine Barbecue-Party für ihre Freunde organisieren.
Eröffnung der Ausstellung «Clever - spielend intelligent einkaufen» in Solothurn
Projektleiterin Clever Sabine Lerch, flankiert von Kurt Fluri und Eliana Burki

Sabine Lerch ist die Projektleiterin von Clever

Andreas Kaufmann

Wie behält man im Dschungel der Biolabels und im Dickicht der Produktebeschriebe den Durchblick? Mit dieser Frage beschäftigt sich der ökologische Mensch des 21. Jahrhunderts – und sucht mit mehr oder weniger Erfolg nach Antworten im hektischen Einkaufsrummel. Auch die Wanderausstellung «Clever – spielend intelligent einkaufen» setzt sich seit gestern Mittwoch und bis 25. September auf dem Kreuzackerplatz mit solchen Fragen auseinander: Wie ist nachhaltiger Einkauf möglich? Warum ist «bio» nicht gleich «fairtrade»? Oder wann ist «regional» nicht zwangsläufig «öko»? Was darf Nachhaltigkeit den Konsumenten kosten? Und was bekommt das andere Ende der Wertschöpfungskette ab, also jener Mensch, der irgendwo auf der Welt die Kaffeebohnen erntet oder Smartphones montiert?

Die Ausstellung der Stiftung Biovision, die sich für soziale und ökologische Entwicklung vor allem in Afrika starkmacht, liefert Antworten in Form eines praktischen Selbstversuchs: Aus einem Angebot an 120 Artikeln füllt der Ausstellungsbesucher seinen Einkaufskorb und scannt die Produkte vom Gemüse über Käse und vom Kosmetikartikel bis zum Handy. Die Schlussabrechnung offenbart aber nicht nur die Summe, die der Konsument für den Einkauf berappen müsste. Vielmehr spuckt der Computer ein Öko- und Sozialprofil des Konsumenten aus.

Ökologischer und sozialer Fokus

Sabine Lerch, Projektleiterin der Wandelausstellung «Clever», stellt das Messkonzept hinter der Konsumauswertung vor. Entlang von sechs Produktionsaspekten lässt sich eruieren, welches Projekt aufs Nachhaltigkeitsgewissen drückt und welches weniger oder gar nicht. Eine Rolle spielen Klimafreundlichkeit und die Frage nach dem Ausstoss von Treibhausgasen; Verschmutzungsgrad von Boden, Gewässer und Luft; Minimierung des Ressourcenverbrauchs; Erhalt der Artenvielfalt und die Vermeidung von Monokulturen; Sozialverträglichkeit und Tierschutz am Herstellungsort; sowie gesundheitliche Gefährdung der Produzenten. Damit trägt die Auswertung nicht nur der ökologischen, sondern auch der gesellschaftlichen Verantwortung Rechnung.

An zwei Extrembeispielen veranschaulicht die Biologin Lerch das Messinstrument: Der transatlantische Rindfleischburger aus der US-Fleischfabrik schneidet in allen sechs Aspekten miserabel ab. Die maximale Punktzahl in allen Disziplinen holt dafür der regionale Apfel, der saisongerecht vom Hochstamm gepflückt wird. Doch ganz so eindeutig wie hier ist die Bilanz längst nicht bei jedem Produkt.

Ein Körbchen Champignons kann mit dem Schweizerkreuz etikettiert sein oder aus dem Ausland stammen: Für den Anbau ist in beiden Fällen Torf als Nährboden nötig. «Da aber die Schweizer Moorlandschaften geschützt sind, muss der Torf aus dem Ausland geholt werden», erläutert Lerch. Und auch wer das Schweizer Biogüggeli aus dem Einkaufregal zückt, heimst damit nicht zwangsläufig die volle Öko-Punktzahl ein. Denn auch ein «nachhaltiges» Huhn findet sein Korn oftmals nur noch im Ausland und oft aus Monokulturen, da die hiesige Getreideproduktion den Bedarf nicht abzudecken vermag.

Entsprechend kann dieser spielerisch umgesetzte Einkaufsbummel durchaus unbequeme Einsichten zutage fördern: Manchmal gibts zwar für ein Lieblingsprodukt immerhin den Umweg über teurere Alternativen oder über die Selbstversorgung. Aber sogar beim lobenswertesten Biofleisch stösst man in Sachen Nachhaltigkeit bald an Grenzen. Und dann wäre Reduktion oder gar Verzicht angesagt.

Fluri und Burki schnitten gut ab

Souverän platzierten sich an der gestrigen Ausstellungseröffnung die beiden ersten «Konsumprobanden» des nachhaltigen Supermarkts, nämlich Stadtpräsident Kurt Fluri und Alphornistin Eliana Burki. An ihnen werden sich die künftigen Besucher messen können. «Der Test wäre gleich ausgefallen, wenn ich privat eingekauft hätte», sagt Fluri, der sich auch als leidenschaftlichen Marktgänger sieht. Er hatte die Aufgabe, den Proviant für ein fiktives Alpwochenende mit der Familie zusammenzustellen. «Im richtigen Leben hätte ich für den Ausflug noch Tomaten aus dem eigenen Garten geholt und Pilze und Heidelbeeren im Wald gesammelt», sagt er. Für Vegetarierin Eliana Burki, die im Testeinkauf eine Barbecue-Party für ihre Freunde organisieren musste, war es wichtig, ehrlich mit sich selbst zu sein. «Ich habe, wie ich es auch sonst mache, vor allem Bioprodukte eingekauft. Dafür zahle ich auch ein bisschen mehr. So habe ich ein gutes Bauchgefühl, kann mit gutem Gewissen essen.»

Hierher geholt wurde die Biovision- Wanderausstellung durch die 2000-Watt-Region Solothurn, die dazu mit lokalen Partnern, namentlich dem Buechibärger Märet und dem WWF, zusammenspannte. «Bei der Ernährung und beim Konsum kann der Einzelne viel bewirken, um dem 2000-Watt-Ziel näherzukommen», so

Marguerite Misteli, Präsidentin 2000-Watt-Region. Aktuell beträgt der Verbrauch hierzulande 6800 Watt pro Kopf.
Doch ist der nachhaltige Einkauf nicht ein Privileg jener Menschen, die gut verdienen oder viel Zeit zur Lektüre von Produkteaufschriften haben? David Fritz, Kommunikationsleiter der Stiftung Biovision, verneint: «Eigentlich liegt die Verantwortung bei uns allen. In der Schweiz werden nur knapp 10 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aufgewendet, in Drittweltländern sind es bis zu 90 Prozent.» Aus seiner Sicht Anlass genug, gerade hier auf Qualität zu achten: «Das heisst: Nicht nur Essen, das gesund ist für uns Menschen, sondern Essen, das so hergestellt wird, dass es gesund für die Umwelt, für Tiere und Pflanzen ist.»

Ausstellung Bis 25. September, geöffnet Mo–Fr, 12 bis 18 Uhr; Do bis 20 Uhr; Sa, 10–16 Uhr, So geschlossen. Weitere Infos und Anlässe: www.clever-konsumieren.ch