Wie sah die Situation in Bethlehem am vergangenen Mittwoch in den frühen Morgenstunden bei Ihrer Abreise aus?

Vera Baboun: Wir stehen vor einer Wand und das im wörtlichen Sinn. Denn wir sind bereits durch eine Mauer von Jerusalem getrennt und nun baut Israel noch eine zweite Mauer quer durch ein fruchtbares Tal, wo Weinberge angepflanzt waren. Die Stimmung ist angespannt durch das jüngste Wiederaufflammen der Gewalt. Die Belagerung durch Israel betrifft jeden einzelnen Lebensbereich, die Wirtschaft, den Verkehr, die Bildung. Wir haben mit 27 Prozent die höchste Arbeitslosigkeit im Westjordanland, besonders bei den jungen Erwachsenen. Wie würden Sie eine Stadt organisieren, deren Gemeindegebiet zu einem grossen Teil nicht Ihrer Verwaltung untersteht, sondern der eines anderen Staates?

Woher nehmen Sie die Kraft, den Alltag als Bürgermeisterin zu bewältigen?

Jedes Volk hat ein nationales Gewissen und Bewusstsein. Zu unserem nationalen Bewusstsein gehört der Wille, auszuharren. Das gilt auch für mich, schliesslich hat mein Mann im Kampf um unseren Staat das Leben hingegeben. In Palästina sind die Menschen einmal geflohen, 1948. Das wird nicht wieder geschehen. Mit dem Ausharren setzen wir ein Zeichen für die gesamte Menschheit. Die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung ist jünger als 29-jährig. Das erzeugt Druck, denn diese jungen Menschen wollen etwas aus ihrem Leben machen. Wenn man sie daran hindert, sich zu entfalten, dann gibt es einen Aufstand, wie wir ihn jetzt erleben.

Die Flüchtlingsproblematik steht derzeit überall in Europa zuoberst auf der Agenda. Doch unter den Menschen, die hier ankommen, gibt es tatsächlich kaum Palästinenser.

Es gibt sie schon, aber sie werden in der Statistik nicht als solche erfasst. Unter den Syrern, die jetzt fliehen, befinden sich auch Familien, deren Eltern und Grosseltern 1948 aus Palästina vertrieben wurden.

Alle Welt interessiert sich, wenn irgendwo Krieg ausbricht, aber nichts ist so schwierig, wie die Aufmerksamkeit an einem Krieg wachzuhalten, der sich über Jahrzehnte hinzieht. Geht Ihr Anliegen im Zerfall der Nahoststaaten unter?

Die Welt braucht keine Erinnerung an die Situation in Palästina. Warum auch? Das Problem muss dort gelöst werden, wo es entstanden ist, bei der UNO. Heute haben wir den Status als «observing state», es liegt an der UNO, uns die volle Legitimation als Staat zuzuerkennen – mit dem Territorium, das dazu gehört. Heute kontrolliert Israel 62 Prozent unseres Gebiets und bei weiteren 18 Prozent, die zwar unserer Administration unterstehen, kontrolliert Israel die Sicherheit.

Welchen Einfluss haben Frauen auf die Entwicklung?

(Auf ihrem iPad zeigt Vera Baboun ein Foto einer christlichen Palästinenserin, die einem israelischen Soldaten, der direkt vor ihr steht, den Mahnfinger zeigt. Die junge Frau wirkt entschlossen, aber keineswegs aggressiv.) Diese Frau hat etwas Mütterliches. So begegnet jede Mutter ihrem Kind, wenn sie es von einer Dummheit abhalten will. Das finde ich bemerkenswert als Symbol für den gewaltlosen Widerstand. Die Frau hatte, als das Bild gemacht wurde, eine Kugel im Herzen, auch wenn noch kein Blut zu sehen ist. Sie wurde in Jordanien operiert und es sieht so aus, als würde sie überleben.

Gibt es ein Projekt, das zurzeit besonders wichtig ist in Bethlehem?

Wir haben jede Menge Vereine und NGOs (Nichtregierungsorganisationen), die sich für verschiedene Anliegen engagieren, für Medienarbeit, für soziale Anliegen, für die Wirtschaft. Am meisten beeindrucken mich die Bäuerinnen. Ihrer beharrlichen Arbeit ist es zu verdanken, dass die Felder weiterhin bebaut werden, zu denen Israel den Männern den Zutritt verbietet. Ich bewundere den Stolz und den Mut dieser Frauen, die mit ihren Produkten auf den Markt nach Jerusalem gehen. Eben haben wir die Renovationsarbeiten an der Markthalle in der Altstadt von Bethlehem abgeschlossen. Ich hatte die Idee, für diese Bäuerinnen extra ein Stockwerk zu bauen. Jetzt verkaufen sie Tomaten, Auberginen und Trauben im Obergeschoss der Markthalle und demonstrieren so jeden Tag den Widerstand gegen die Politik des Landraubes. Wenn ein Feld nämlich zwei Jahre brach liegt, wird es uns von den Besatzern weggenommen. Dieses Beispiel zeigt, dass auch kämpfen kann, wer keine Waffe in die Hand nimmt.

Als Christin und als Palästinenserin befinden Sie sich doppelt in der Minderheit. Wie gehen Sie damit um?

Ich mag das Wort «Minderheit» nicht. Es gibt tatsächlich weniger Christen als Muslime unter den Palästinensern, in Bethlehem sind es von 200 000 zum Beispiel 48 000, aber wir sind ein Volk. Unser friedliches Zusammenleben könnte manchen Staaten als Vorbild für das Miteinander der Religionsgemeinschaften dienen, auch wenn es im Einzelfall vielleicht einmal Reibereien geben mag. 1998 hat Präsident Jassir Arafat festgelegt, dass sieben Städte christliche Bürgermeister haben sollten, auch dann, wenn dort einmal nur noch eine Handvoll Christen leben sollten. Das war sehr weise, sehr vorausschauend zur Erhaltung des Religionsfriedens. Die Christen haben eine geringere Geburtenrate als die Muslime, und ihre Voraussetzungen, nach Europa oder in die USA zu emigrieren sind besser als die der Muslime.

Durch Ihre Tätigkeit in überstaatlichen Organisationen haben Sie schon viele Orte gesehen. Wie gefällt Ihnen Solothurn?

Leider hatte ich bei meinem straffen Terminplan nur wenig Zeit mich umzusehen. Mit den Augen der Bürgermeisterin kann ich sagen, dass die Regierung hier offenbar einen guten Job macht. Was mir sofort aufgefallen ist, ist die Ruhe und die heitere Gelassenheit, die die Leute ausstrahlen. Das fehlt uns in Bethlehem, aber ich hoffe, dass wir das auch einmal erleben dürfen. Ihr lebt hier in einem Paradies mit Rechtssicherheit und guter Infrastruktur. Ich wünsche den Menschen hier, dass sie dieses Privileg nicht als selbstverständlich ansehen.