Leseratten und Bücherwürmer werden es dereinst kaum schaffen, an ihm vorbeizukommen ohne anzuhalten. Die Rede ist vom Offenen Bücherschrank, der in der Literaturtage-Stadt zurzeit in der Projektphase steckt. «Geben und Nehmen» sowie «Ausleihen» sind die Grundprinzipien dieser Idee, bei der mitten auf einem öffentlichen Platz eine (natürlich witterungsfeste) «Truhe» mit Bücherschätzen zu stehen kommt.

Wer will, bringt Lesestoff vorbei oder zieht sich ohne Anmeldung selbst welchen aus dem Gestell. Doch ungleich einer herkömmlichen Bibliothek flattert keine Mahnung nach zwei Monaten ins Haus – nein, man behält das Buch so lange man möchte.

Der Offene Bücherschrank hat bereits in Deutschland hundertfach Schule gemacht. Dort – genauer in Hannover – stiessen auch der Solothurner Hartwig Roth und seine Frau Irene vor zwei Jahren in einem ruhigen Quartier erstmals auf die neue Form des Büchertauschs: «Die Idee hat uns beeindruckt» – und sie hat sich nach Besichtigungen weiterer Offener Bücherschränke ab Anfang 2011 weiter verfestigt: «Nach Basel, wo seit letzten Sommer der erste steht, wäre Solothurn schweizweit die zweite Stadt mit einem solchen Schrank», sagt Roth.

Erfolgreiche Pilotphase

Mit einem ersten Pilotprojekt anlässlich der letztjährigen Literaturtage wurde bereits vorsondiert, ob die Idee auch auf Solothurner Boden Anklang finden könnte. Tat sie, wie Roth weiter ausführt: «Wir hatten einen alten Schrank aufgetrieben, aufgefrischt und beim Landhaus aufgestellt. Das Interesse war enorm – auch jener, die als Helfer mitwirken wollten», sagt der Initiant. Zurzeit kümmert sich eine sechsköpfige Arbeitsgruppe um die Realisierung. «Im Alleingang lässt sich ein solches Projekt kaum durchziehen», bestätigt Roth. Und eine breite Abstützung stelle auch sicher, dass das Vorhaben «nicht zur Eintagsfliege wird», so Roth weiter.

300 bis 500 Bücher soll der solide, wetterfeste Stahlblech-Schrank beherbergen, ein beachtlicher Vorrat ist schon auf der sicheren Seite. Gestaltet und gebaut wird die literarische Nische voraussichtlich von Stahlbauer und «Raumformer» Toni Kaufmann. Als idealer Standort konnte das Projektteam mit den städtischen Behörden den Kreuzackerplatz ausmachen – dies natürlich in Abstimmung mit der bald anstehenden Umgestaltung des Platzes. Auf alle Fälle soll der Sockel des Schranks nicht einbetoniert, sondern mit Ösen am Boden fixiert werden, so dass er im Fall einer Neugestaltung umplatziert werden kann.

Schrankpaten sorgen für Ordnung

Auf die im Februar publizierte Baupublikation für den Offenen Bücherschrank gab es keine Einsprachen. Doch bei allem Rückenwind, den das Projekt im Moment hat, ist die Finanzierung wohl einer der grösseren Knackpunkte. Budgetiert sind einmalige Investitionen von rund 18000 Franken, 2500 sind unterdessen zusammen, allerdings seien noch viele Sponsoringanfragen hängig. Laut Roths Schätzung dürften zudem jährlich wiederkehrende Kosten von rund 1000 Franken anfallen. Vieles, was den Unterhalt der Bücherstätte angeht, wird aber in ehrenamtlicher Arbeit ausgeführt: Schrankpaten sind bemüht, die Outdoor-Bibliothek und ihre Inhalte in Ordnung zu halten: «Wir werden zwar keine Zensur im eigentlichen Sinn betreiben. Aber rechtswidrige Bücher, vor allem pornografischer, rassistischer oder menschenverachtender Natur werden entfernt», betont Roth.

Darüber hinaus aber wird sich das Angebot thematisch mit jedem neu entnommenen oder reingestellten Lesestoff ändern: «Die Erfahrung andernorts zeigt, dass die Bücher auch nicht in jedem Fall zurückgebracht werden.» Vandalismus hingegen komme kaum vor: «Vor allem an gut frequentierten Plätzen – und der Kreuzackerplatz gehört dazu – wirkt die soziale Kontrolle.»

Mobile Variante des Schranks

Hartwig Roth weiss: Den Offenen Bücherschrank bis zu den diesjährigen Literaturtagen vom 18. bis 20. Mai zu lancieren, wird etwas knapp. Auf alle Fälle wolle man aber wieder mit der mobilen Version vom letzten Jahr anwesend sein. Fest steht bereits, dass diese im Sommer auch in der Badi zum Einsatz kommen wird. Ob nun mobil oder stationär, für Roth ist klar: «Der Bücherschrank bietet jenen Leuten Zugang zu Büchern, die sonst kaum welche lesen oder sich auch keine leisten können.» Hier sei das Angebot um einiges niederschwelliger. Und der nicht zu unterschätzende Nebeneffekt, der sich erfahrungsgemäss auch in Hannover bereits eingestellt hat: Der Bücherschrank wird zum Begegnungsort, «dort treffen sich die Menschen.»

Infos www.bücherschrank-so.ch