«Wir können aus der Geschichte nicht die Handlungsanweisung für Situationen der Gegenwart ableiten», sagte Regierungsrat Remo Ankli in seinem Toast aufs Vaterland anlässlich der Vorstädterchilbi. «Aber: Der menschliche Geist wird generell fähig gemacht, sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Geschichte ist ein Trainingsprogramm dazu», fuhr er weiter.

Gedenktage seien deshalb für alle eine aktuelle und notwendige Angelegenheit, dankbar zu sein und sich auf die Quellen der eigenen Identität zu besinnen. Er schloss: «In diesem Sinn ist die Geschichte eine Lehrmeisterin für die Gegenwart und die Zukunft.»

«Kanonendonner liess das Schloss erzittern», singen die Teilnehmer am Mahl der Bruderschaft Sanctae Margarithae. Gemeint ist die 1499 belagerte Burg Dorneck.

Wenn es am Sonntag auf Solothurns Rossmarktplatz krachte, war dies weit weniger gefährlich: Geböllert wurde elf Mal aus der Bruderschaftskanone zum Auftakt der Vorstädterchilbi. Von dieser sollen seinerzeit die Vorstädter direkt in die Schlacht bei Dornach gezogen sein – deshalb der martialische Auftakt mit dem Tagwachtschiessen. An der Chilbi soll denn auch der Toten gedacht werden, ausdrücklich auch jener des Gegners.

Abwechslungsreicher Verlauf

Nach dem Schiessen folgte das Morgenständchen, dargebracht von der Blaskapelle Konkordia, einem Ehrenverein der Bruderschaft Sanctae Margarithae. Obmann Franz Gamper wirkte ein letztes Mal in Personalunion als deren Dirigent, bevor er den Taktstock der Kapelle niederlegt.

Erhebend im Anschluss der Festgottesdienst, der dieses Jahr besonderen Glanz erhielt: Die Alte Spitalkirche zum Heiligen Geist ist jetzt auch innen renoviert und erstrahlt in neuem Glanz. Dazu passten die schönen Stimmen des Domchors (ebenfalls Ehrenverein der Bruderschaft), der den Gottesdienst mitgestaltete. Bischof Felix Gmür sprach in seiner eindrücklichen, mit feinem Humor bereicherten Festpredigt vom Reden und vom (Zu)Hören und stiess auf offene Ohren – Brüder und Schwestern haben zugehört. Im Anschluss versammelte sich die Festgemeinde in den Tavernen der Vorstadt. Vorstand und Ehrengäste besuchten derweil die Spitalschwestern und kranke Mitbrüder und -schwestern im Bürgerspital.

Der Wechsel von andächtig und ausgelassen setzte sich bis in den Nachmittag hinein fort. Pünktlich um zwölf Uhr versammelten sich 186 Brüder im grossen Saal des Alten Spitals zum Bruderschaftsmahl, das mit dem Chilbimarsch zum 49. Mal durch die Kapelle Gebrüder Reber eröffnet wurde, gefolgt vom Tischgebet von Bischof Gmür. Nach der Vorspeise begrüsste Obmann Franz Gamper mit träfen Worten die Anwesenden, dann folgte die traditionelle Krebsensuppe. Vor dem Hauptgang wurden die Toten geehrt. Sodann verlas Cancellarius Patrick Schwaller das wohlgereimte Protokoll der Vorstädterchilbi 2013.

Vom Sinn der Gedenktage

In seiner vaterländischen Ansprache fragte Regierungsrat Remo Ankli nach dem Sinn der Geschichte. «Es ist eine Tatsache: Ereignisse und Konstellationen von Ereignissen spielen sich nicht zweimal exakt gleich ab. Als Historiker bin ich jedoch überzeugt, dass Geschichte den Menschen fit macht für die Gegenwart.» Mit Bezug auf Bundesfeiern meinte Ankli: «Die Debatten in der politischen Schweiz von heute sind stärker dominiert von der Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft und der Abwehrschlachten. Sie sind von Gefühlen der Angst und der Abwehr geprägt. Wie wohltuend anders nehmen sich vor diesem Hintergrund die Werte und der optimistisch und hoffnungsvoll gestimmte Geist der Schweiz im 19. Jahrhundert aus!»

1547 Franken für den Vortanz

Das Dessert half, den Hauptgang und die mahnenden Worte des Bildungsdirektors zu verdauen. Zum Schlachtbericht des Cancellarius und der Versteigerung des Vortanzes waren alle wieder bereit: Ein hitziges Steigerungsgefecht nach amerikanischem Muster unter Leitung von Bieter Daniel Ritschard erbrachte 1547 Franken, der Vortanz fiel Elmar Oberer mit Gattin Esther zu. Sie führten das Chilbizüglein bis auf die Mitte der Brücken und eröffneten am Abend nach «Bränte Lärete» und Umtrunk den Chilbitanz.