Weniger als eine Stunde dauert die Autofahrt von Solothurn nach Weil am Rhein. Eine Fahrt, die immer mehr auf sich nehmen, seit die Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufgehoben hat.

Einkaufstourismus wird dieses Phänomen genannt, welches zwar schon lange bekannt ist, aber gerade wieder neuen Auftrieb erhielt. Ein Phänomen, das die Welt des lokalen Detailhandels durcheinanderbringt. Reaktion darauf sind Preisnachlässe.

Converse-Schuhe günstiger

Ein Gang durch die Solothurner Altstadt beweist: Es ist ruhig auf den Strassen wie auch in den Geschäften. Dies war es an kalten Wochentagen aber auch schon zuvor. Doch etwas macht beim Spaziergang durch die Gassen stutzig. Nebst dem altbekannten Winterausverkauf wird in einigen Geschäften nun mit anderen Preissenkungen geworben: «Euro-Crash = Cash. Bis Ende Februar 20 bis 50 Prozent auf das ganze Sortiment», verspricht das Markengeschäft Bonehead an der Barfüssergasse.

Geschäftsführerin Nathalie Hälg sagt dazu: «Die Preisdifferenz zum Ausland ist so erheblich gestiegen, dass sie vor dem Kunden nicht mehr erklärbar ist. Wir konnten nicht abwarten, bis alle grossen Lieferanten reagieren, und gewähren deshalb seit dem 22. Januar diesen Rabatt.» Davon betroffen sei die Winterkollektion, denn die Frühlings-/Sommerkollektion sei bereits an den Euro angepasst worden. Konkret heisst dies: Die berühmten Chuck-Taylor-Schuhe von Converse, welche zuvor Fr. 89.90 kosteten, gibt es neu für Fr. 71.90. Also fast 20 Franken günstiger.

Auch wenn Hälg nicht sagen würde, dass dieser Preisnachlass-Entscheid aus Branchendruck gefällt wurde, meint sie: «Wir wollen bestimmt nicht fördern, dass noch mehr Kunden zum Shoppen ins nahe Ausland gehen.» Hälg betont, dass die Umsatzeinbussen durch die Währungsdifferenz und die Kundenabwanderung in die Grenzregionen den Schweizer Detailhandel stark gefährden würden. «Und weniger Umsatz bedeutet leider auch Personalstopp beziehungsweise Personalabbau.»

Bonehead ist nicht allein. So locken auch andere Solothurner Kleidergeschäfte wie Esprit, Cristina’s oder Nile mit Preisnachlässen. Sandra Balsiger, Filialleiterin von Nile Solothurn, bestätigt: «Wir gewähren unseren Kunden und Kundinnen seit vergangenem Freitag 15 Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment.» Auch wenn die Angst vor Einkaufstourismus mitschwinge, stehe vor allem die Idee dahinter, Währungsvorteile direkt an die Kunden weitergeben zu können – selbst wenn Nile als Schweizer Unternehmen dazu nicht verpflichtet wäre. Viele Kunden seien positiv überrascht und würden schon mal das eine oder andere Kleidungsstück zusätzlich kaufen.

Rabatte auch bei Sofa und Auto

In anderen Branchen werden ebenfalls Preisreduktionen gewährt. Besonders spürbar ist der tiefe Euro bei den Grossverteilern Coop und Migros. So senkte Coop bei über 1000 aus dem Euroraum importierten Produkten die Preise und auch beim «orangen Riesen» sind neben Früchten und Gemüse besonders Markenprodukte wie Pantene, Vanish oder Hipp vom Preisnachlass betroffen.

Die Elektronik-Branche hält ebenfalls Schritt. Der Heimelektronik-Anbieter Nummer eins der Schweiz, Interdiscount, gibt den Preisvorteil des tiefen Euro-Preises bei über 2000 Produkten an seine Kunden weiter.

Auch bei Autos und Möbeln

In der Möbelbranche sieht die Situation ähnlich aus. Im Möbelhaus Brechter in Gerlafingen werde zwar, gemäss Geschäftsführer Gregor Brechter, schon seit Jahren mit Europreislisten und tagesaktuellem Wechselkurs gearbeitet. Dies sei also keine neue Situation, doch «durch die Aufhebung des Mindestkurses durch die SNB sind nun Spitzenmarken aus dem Euroraum nochmals günstiger zu haben.» Viele Kunden würden die Gelegenheit nutzen und vom Währungsvorteil profitieren.

Seit dem 31. Januar wirbt auch das Automobil-Unternehmen Amag mit dem «Swiss Netto Bonus» von 15 Prozent. Dieser Bonus gelte für alle Kundenbestellungen und alle Marken, darunter VW, Audi, Seat oder Skoda, bestätigt der Leiter der Kommunikationsabteilung, Dino Graf, auf Anfrage. Doch weshalb wurde so lange gewartet? «Da Autos keine tagesaktuellen Produkte sind, sondern eine längerfristige Investition, galt es zuerst abzuschätzen, wie sich der Euro nach dem ersten Kurssturz zum Schweizer Franken einpendelt.» Mit dieser Währungsausgleichsprämie soll die richtige Antwort gefunden worden sein, doch diese gelte vorerst bis Ende Februar. Dann werde gemeinsam mit den Herstellern entschieden, welche weiteren Massnahmen getroffen werden sollen.

Nicht überall purzeln die Preise

Doch nicht alle Geschäfte in Solothurn haben bisher auf den Wechselkurs reagiert. So hatte der Euro bei Kleiderketten wie H&M, Vögele oder Schild noch keine Auswirkungen auf die Preise. Auch beim traditionellen Kolonialwarengeschäft Kerzen Jeger bleiben die Preise dieselben. «Die Produkte, die wir zurzeit im Laden haben, wurden noch zum alten Wechselkurs eingekauft», sagt Geschäftsinhaber Urs Jeger.

Wie es in Zukunft bei neu einzukaufenden Produkten gehandhabt werden soll, könne er noch nicht klar sagen. In der Blumenbinderei Flores hat es seit dem SNB-Entscheid ebenfalls noch keine Veränderungen gegeben. Gemäss Inhaberin Heidi Bisang könne sie selbst die Blumenpreise nicht anpassen, da sie diese von der Schweizer Börse beziehe. Wenn Preise angepasst werden würden, dann an der Börse. «Selbstverständlich werde ich aber den Preisvorteil von Dekoartikeln, welche ich zukünftig aus dem Ausland beziehe, an meine Kunden weitergeben.»

Es bleibt also nur abzuwarten, welche weiteren Folgen der Euro-Crash in Solothurn mit sich bringt.