Solothurn
Börsenmann Jens Korte, live vom Landhaus-Parkett in Solothurn

Über 500 Finanz- und Börseninteressierte pilgerten am Donnerstagabend in das Landhaus am Aareufer in Solothurn. Grund war ein Vortrag des Ökonomen und Fernsehjournalisten Jens Korte. Er berichtete aus erster Hand und live vom Brennpunkt Wallstreet.

Franz Schaible
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Jens Korte

Jens Korte

Solothurner Zeitung

Jens Korte ist in der Schweiz längst zum Inbegriff der New Yorker Börse an der Wallstreet geworden. Seit über zehn Jahren berichtet der 41-jährige Ökonom und Journalist für das Schweizer Fernsehen live vom Parkett aus der New York Stock Exchange über das aktuelle Geschehen an den amerikanischen Finanzmärkten. Ruhig, kompetent und seriös kommt er rüber in unsere guten Stuben, wenn er in der Tagesschau komplizierte Vorgänge verständlich darstellt. Dasselbe gestern im Landhaus in Solothurn. Der Börsenexperte war live zu Gast bei einem Anlass der Berner Kantonalbank und zog das 500-köpfige Publikum von Beginn an in seinen Bann.

Politik mischt sich stark ein

Noch einmal liess Korte den Crash an der Wallstreet vor zwei Jahren Revue passieren. «Der Vertrauensverlust durch die Finanzkrise war riesig. Keiner traute mehr dem andern. Die Banken untereinander nicht, die Investoren den Banken nicht und umgekehrt.» Der Staat musste eingreifen, um einen vollständigen Kollaps zu verhindern. Nach der von US-Präsident Ronald Reagan in den 80er- Jahren gestarteten Deregulierung folgte mit der Amtsübernahme durch Barack Obama vor zwei Jahren die Phase der Regulierung. «Das war der stärkste Umbruch in der Wirtschaftspolitik seit damals», dozierte der Mann aus New York.

Dass die US-Wirtschaft nach der vorübergehend überstandenen Finanzkrise nicht so richtig in Fahrt kommt, machte der US-Kenner an drei Punkten fest.

Jobs, Konsum und Immigration

Die industrielle Produktion habe die Staaten einstmals zur Weltwirtschaft wachsen lassen. In der Vergangenheit hätte die amerikanische Industrie aber grosse Teile ihrer Produktion nach Asien ausgelagert. Die dadurch weggefallenen Arbeitsplätze könnten nicht in vollem Umfange durch Jobs in der Informatik oder im übrigen Dienstleistungsbereich ersetzt werden. Die Folge: eine Arbeitslosenquote von zehn Prozent. «Dagegen herrscht in der Schweiz geradezu Vollbeschäftigung», versuchte Korte die Relationen aufzuzeigen. Zudem sei die US-Wirtschaft mit 70 Prozent zu stark vom Konsum abhängig. «Ohne Jobs kein Konsum, ohne Konsum kein Aufschwung und ohne Aufschwung keine Jobs», beschrieb er den Teufelskreis. Als dritten Punkt führte er die Immigration an. Es sei den USA gelungen, «die schlauesten Köpfe der Welt ins Land» zu holen. Die hätten dann nach der Ausbildung bei den wichtigsten Firmen in den USA angeheuert. «Heute kommt der Inder zwar nach wie vor an die Eliteuniversitäten. Aber nach Abschluss des Studiums kehren sie zurück nach Mumbai und starten ihre eigene Firma.»

Trotzdem: Der Wahl-New Yorker Korte glaubt weiterhin an die Kraft und die Fähigkeiten der Amerikaner. Die Mentalität, etwas anzupacken, sei nach wie vor vorhanden, das ausgeprägte Unternehmertum bleibe stark spürbar. «Innovationskraft und Dynamik sind enorm hoch.» Dies alles werde dazu führen, dass die USA vorerst die Wirtschaftsmacht Nummer 1 bleiben werden, auch wenn China stark aufhole. «Mit China haben die USA erstmals seit dem 2. Weltkrieg einen ernst zu nehmenden wirtschaftlichen Gegner erhalten.»