«Als mein Vater vor 55 Jahren hier an der Bielstrasse die Metzgerei von Willi Spozzio übernahm, gab es in Solothurn noch mehr als 30 Metzgereien. Nur auf Stadtboden», hängt André Bommer an. Er spürt die gute Portion Ungläubigkeit. Heute sind es noch genau drei. Und nach dem letzten Arbeitstag 2013 noch zwei. Denn Andrè Bommer hört auf, muss aufhören. Gesundheitliche Probleme machten mehrmals tägliche Arbeitsunterbrüche notwendig. «Lüpfe» lag schon gar nicht mehr drin. «Ich konnte das meiner Frau nicht mehr zumuten».

Und so schliesst die Metzgerei Bommer am kommenden Silvesterabend nach 58 Jahren ihre Türen. «Die zwei Angestellten haben Jobs. Vieles von der Einrichtung ist schon weg. Vorläufig bleibt das Ladenlokal einfach geschlossen.» Und «Bafra» vertreibe Monika Bommer noch. Kurz für «Biologisch artgerechtes rohes Futter» – für Katzen und Hunde. Eine Metzgerei dagegen wird an der Bielstrasse nie mehr sein. Wälchli in der Altstadt und die Rossmetzg an der Schaalgasse sind die letzten des einst stolzen Berufsstandes in Solothurn.

Berner Platte ade

Als der heute 63-jährige Metzgermeister 1988 das elterliche Geschäft übernahm, zeichnete sich der Wandel bereits ab. In der Lehre hatte er noch erlebt, wie morgens um 4 Uhr die quiekenden Schweine in die Stadt gekarrt wurden, um im Schlachthaus, wo heute im «Solheure» das Nachtleben pulsiert, unter dem Metzgermesser zu enden. «Rinder und Kälber kamen stets nach den Schweinen dran.

Die wurden von jedem Metzgereibetrieb selbst geschlachtet. Bei den Schweinen vorher halfen die Burschen und Lehrlinge aller Metzgereien zusammen, das war effizienter.» Just als André Bommer selbst Geschäftsinhaber wurde, gab die Stadt das Schlachthaus auf, der Schlachthausfonds der Metzgergilde wurde an die Metzgerei Gehrig in Balsthal übertragen.

Doch schon seit Jahren liess Bommer schlachten und verwertete danach das gelieferte Fleisch. Nicht die einzige Änderung. «Vor 40 Jahren brauchten wir um diese Jahreszeit pro Tag eine ganze Räucherkammer Rollschinkli und Schüfeli. Das ist vorbei. Heute wollen die Leute statt Berner Platte Fondue chinoise und Filet im Teig. Geselligkeit ist Trumpf.»

Und Kochen out. Grillieren ja, das laufe noch. Mit dem ersten schönen Tag rennt einem die Kundschaft den Laden ein, weiss Bommer aus Erfahrung. Doch billige Stücke, wie Innereien vom Schwein, habe man mangels Nachfrage schon gar nicht mehr geführt. Beim Fleisch sei diesbezüglich der Absatzschwund weniger gravierend: «Weil wir selbst gewurstet haben.»

Wenn der Kunde König ist

Zwar gab es bis zuletzt treue Kundschaft «noch von den Eltern her» – aber auch in dieser Hinsicht hat sich vieles verändert. «Das Schlimmste war die Einführung des schulfreien Samstags. Der Samstagsumsatz ist um die Hälfte eingebrochen. Die Leute änderten ihr Einkaufsverhalten total.» Die Preise seien dagegen bis vor kurzem nicht so relevant gewesen. André Bommer: «Lange lagen wir zwischen der Migros und Coop. Aber mit Lidl oder Denner können wir heute schon nicht mehr mithalten.» Auch hätten etliche Kunden die Fachmetzgerei nur vor den Feiertagen berücksichtigt. «Wenn die alle unter dem Jahr gekommen wären…»

Auch das Verschwinden so mancher Metzgerei ringsum, beispielsweise damals der zweiten Weststadtmetzgerei Jäggi, habe kaum mehr Kundschaft gebracht. «Wenns mich nicht mehr gibt, merkt kein anderer etwas davon»; glaubt André Bommer etwas fatalistisch. Zur harten Konkurrenz wurden jedoch nicht nur die Grossverteiler, sondern auch die Tankstellen-Shops. Den nächsten an der Bielstrasse durfte Bommer bis vor einigen Jahren noch beliefern. «Da musste ich an manchem Sonntag die Regale nachfüllen.»

Papierkram und Sauerkraut

20 Jahre lang hatte sich André Bommer im kantonalen Metzgermeisterverband der Werbung angenommen und dafür die Ehrenmitgliedschaft erhalten. Zu Papier hatte er jedoch ein eher ambivalentes Verhältnis. Der bürokratische Papierkram habe ständig zugenommen, auch seitens der Lebensmittelkontrolle. «Und wenn ich ein Formular ausfüllen muss, dass ich sauber geputzt habe, dann löscht es mir schon ab.» Genauso bei anderen Vorschriften. «Wenn ich US-Ware wollte, musste ich schon fast eine zweite Buchhaltung eröffnen.» Dies, damit ja kein US-Steak beispielsweise nach Deutschland gelange.

Trotzdem, seinen Beruf habe er geliebt. «Ich hätte gerne noch weiter die Kundschaft bedient und beraten.» Was André Bommer bleibt, ist die Hoffnung, gesundheitlich wieder Tritt zu fassen und die Freude an einer Partei Boule im Kreuzackerpark. An der HESO wird Monika Bommer am Stand der Stadtmetzger anzutreffen sein. «Das Sauerkraut wird übrigens weiter bei uns gekocht», bleibt André Bommer zumindest mit einem Zipfel seiner Metzgerschürze noch an alten, besseren Zeiten hängen.