Akademie der Generationen
Blick auf das «Hüsli-Dickicht» rund um die Wälder

Felder und Äcker, die in den 40er- und 50er-Jahren noch die Landschaft des Mittellandes prägten, sind unter Beton verschwunden. Dank einer Gesetzgebung aus dem 19. Jahrhundert sind jedoch die Wälder intakt geblieben.

Helmuth Zipperlen
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Aviatikkenner Peter Brotschi hielt die Siedlungsentwicklungen im Bild fest – wie hier über Biberist. Seine Dokumentation zeugt von der Zersiedelung.

Aviatikkenner Peter Brotschi hielt die Siedlungsentwicklungen im Bild fest – wie hier über Biberist. Seine Dokumentation zeugt von der Zersiedelung.

Peter Brotschi

Peter Brotschi, Pilot und Politiker, hat in der Akademie der Generationen im Naturmuseum darüber berichtet, wie er das schweizerische Mittelland seit seinen fliegerischen Anfängen bis heute von oben beobachten konnte. Ein grosses Publikum und eine Klasse der Kantonsschule konnten Rudolf Erzer und Frank Schneider begrüssen.

Letzterer stellte den Referenten vor und erinnerte an ihre gemeinsame Jugendzeit in Grenchen. Damit war denn auch die Brücke zum jungen Peter Brotschi geschlagen, welcher sich seit 40 Jahren in den Lüften bewegt.

Der Referent stellte sich die Frage: Ist das Mittelland überbevölkert? Die Beantwortung überliess er dann weitgehend dem Publikum, denn die von ihm gezeigten Bilder bilden die Basis für die Antwort. Brotschi hat sich akribisch auf die Suche von alten Luftaufnahmen gemacht.

Diese wurden für militärische Zwecke von 1930 bis 1950 aufgenommen. Die ersten Fotos wurden aus Zweisitzer-Flugzeugen geschossen, welche der Oltner Haefeli konstruierte und in Thun gebaut wurden. Die jüngsten Aufnahmen stammen aus einer Fokker, einem der letzten Zweisitzer. Die Bilder mussten genau studiert werden, denn Brotschi wollte die aktuellen Aufnahmen möglichst vom gleichen «Standort» aus machen. Oft diente der Wald als Orientierung.

Kornkammer und Autobahn

Interessant sind die Beispiele aus dem Kanton Solothurn. Am auffälligsten zeigen sich erwartungsgemäss die Unterschiede im Gäu. In der Luftaufnahme von 1941 sind die verschiedenen Gäuer-Dörfer noch gut als eigenständige Ortschaften zu erkennen. Dazwischen viel landwirtschaftlich genutztes Land. In der aktuellen Aufnahme lässt sich kaum mehr ein grüner Fleck ausmachen. Die Dörfer sind zusammengerückt und man sieht nicht mehr, wo die Dorfgrenzen sind.

In Olten mussten die Reste des einstigen Flughafens nach Westen verschoben werden, um Sportanlagen Platz zu machen. Bald wird auch das ehemalige Areal der Kiesgrube überbaut sein. In Grenchen wurde die Witi geschmälert. Nicht zuletzt wegen des Flughafens, wie der Pilot Brotschi wertfrei bemerkte. Kleinere Städte wie Murten oder Zofingen sind in den Aufnahmen von 1952 und 1946 noch deutlich in der Landschaft auszumachen.

Auf den aktuellen Aufnahmen verschwinden diese historischen Altstädte einfach im Häusermeer. Selbst Streusiedlungen wie Appenzell sind kompakter geworden. Das Ergolztal mit Gelterkinden ist fast zu einer einzigen Siedlung zusammengerückt. Ähnliches ist vom Mutschellen zu sagen, wo heute kaum mehr zu sehen ist, dass es sich um einen Pass handelt. Das nahe Zürich lässt grüssen. Beim Wachstum von Cham dürften die niedrigen Steuern und nicht nur der Zugersee eine Rolle gespielt haben.

Ein schleichender Prozess

«Wir leben heute in einer pluralistischen Gesellschaft und alle haben ihre Ansprüche», sagt Peter Brotschi. In den letzten 50 Jahren sei in der Schweiz so viel Land verbaut worden wie seit der Sesshaftigkeit des Menschen bis 1950. «Das schweizerische Mittelland ist eine einzige Super-Einkaufszone.»

Das Problem ist, dass dieser Prozess schleichend und kaum bemerkbar erfolgt ist. Nicht nur das Konsumverhalten sei daran schuld, sondern auch Freizeitaktivitäten, die Schrebergärten, die Industrie, der Verkehr, die Energie und letztlich der Drang zu Einfamilienhäusern.

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