«Me söll die Tube mache lo, es sig jo glych wohi, ’s isch jo immer, immer, immer eso gsi.» Die Solothurner beweisen mit ihrem Liedgut Toleranz gegenüber dem Gefieder, das hüben wie drüben ebenso Verehrung wie Verachtung erfährt. Treffend ist auch der Titel, mit dem das Naturmuseum seine neuste Sonderausstellung zu diesem kontroversen Tier bedacht hat: «Strassentaube – verehrt und verpönt». Columba livia ist der lateinische Name der Felsentaube, von der die Haus- und eben auch die Strassentaube abstammt und über die es im Naturmuseum bis 22. April 2019 einiges zu erfahren gibt.

Mit Lokalkolorit

Der an der Uni Basel lehrende Biologe Daniel Haag-Wackernagel hatte den fachlichen Hintergrund zu dieser «Hausproduktion» des Naturmuseums unter Projektleitung von Andreas Schäfer geliefert. «Wir übernahmen die Inhalte von Haag-Wackernagel, haben sie ergänzt und erweitert und mit der Szenografie von Werne Feller von Sowas AG visualisiert», erklärt Schäfer. Entstanden ist eine kurzweilige Ausstellung mit Lokalkolorit, die sich der Biologie und Herkunft der Strassentaube, der Kontroverse um ihre Hinterlassenschaften und der Vielfalt ihrer Artgenossen widmet. Und dies anhand von Präparaten, Infotafeln, historischen Illustrationen und Audiobeiträgen.

Taubenausstellung Naturmuseum

Sonderausstellung zur Taube im Solothurner Naturmuseum

Weggefährte des Menschen

Ob verehrt oder verpönt: Fakt ist, dass Taube und Mensch schon seit 5000 Jahren eine gemeinsame Geschichte teilen, weiss Schäfer. Und dies zeigt auch der kulturhistorische Zeitstrahl, der die Ausstellung als Kulisse hinterlegt. In der Antike als Liebes- und Fruchtbarkeitssymbol verehrt, im christlichen Glauben als Manifestation des Heiligen Geistes dargestellt und in neuerer Zeit als Friedenssymbol geschätzt oder als Gast bei Hochzeiten gern gesehen.

Jenseits aller Symbolik erwies sich die Columbia livia zudem als wichtiges Nutztier. «Über die Art und Weise, wie die Felsentaube domestiziert wurde, bestehen mehrere Theorien», sagt Schäfer. Sie könnte durch Opfergaben in Tempeln angezogen worden sein – oder durch die Sesshaftigkeit und den Ackerbau des Menschen. Oder aber der Mensch hat bewusst wilde Jungtiere domestiziert.

Auf vielen Bauernhöfen gehörte zu früheren Zeiten ein Taubenschlag dazu. Die Vögel wurden auch als Hobby gehalten, oder dienten zur Unterhaltung der Kinder. Konkreter genutzt wurde die Taube als Nahrungsmittel, als Postbote, als mit Fotoapparat ausgestatteter militärischer Aufklärer oder als Düngerlieferant.

«Bitte nicht füttern!»

Fakt ist: Eine heutige Strassentaube «liefert» jährlich bis zu zwölf Kilogramm an «Dünger». Ironie ist es, dass gerade diese Eigenschaft, gepaart mit einer geschwundenen Scheu vor Menschen und dem Ruf als Krankheitsüberträgerin, der Taube in heutiger Zeit ein zweifelhaftes Ansehen beschert. Auch diesem Aspekt widmet sich die Ausstellung; weiter den Abwehrmechanismen gegen die städtische Verkotung sowie den Massnahmen, die für die Regulierung der Taubenpopulation greifen oder greifen sollen.

So gab man die äusserst anpassungsfähigen Tiere auch schon mal zum Abschuss frei oder entwickelte eine «Anti-Baby-Pille» für Tauben, die zur Unfruchtbarkeit führt. Doch Schäfer weiss: «Meistens bleibt bei diesen Massnahmen eine kleine unerreichte Population übrig, die sich rasch erneut vermehren kann.» Die beste Regulierung erfolge über das Nahrungsangebot, durch welches die Tauben letztlich in urbane Gebiete gelockt werden, «was uns letztlich zur Hauptaussage der Ausstellung führt», sagt Schäfer: «Bitte nicht füttern.»

Abgesang auf «Martha»

Zuguterletzt widmet sich die Ausstelung auch den näheren aber auch entfernteren Verwandten der Strassentaube. Heimisch sind die Ringel-, Türken-, Hohl- und auch die Turteltaube. Ein tragisches Kapitel findet sich unter den exotischeren, nicht heimischen Taubenarten: Die Ausstellung zeigt «Martha», das wohl weltweit letzte Exemplar der Wandertauben, das 1914 starb. Die Wandertaube zählte zu den Vogelarten mit den meisten Exemplaren – bis sie durch intensive Bejagung der vollständigen Ausrottung zum Opfer fiel.