Solothurner Zentralbibliothek
Bibliothekarin geht nach 32 Jahren in Pension: «Leben ohne Bücher geht nicht»

Kinder- und Jugendbücher in der Zentralbibliothek Solothurn? Da fällt einem nur ein Name ein: Christine Ryser. Nach 32 Jahren im Dienst der Kinder- und Jugendbibliothek Solothurn hat die engagierte Bibliothekarin ihre Pension angetreten. Sie erzählt von der Faszination ihres Berufes.

Fränzi Rütti-Saner
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Christine Ryser leitete 32 Jahre lang die Kinder- und Jugendbibliothek in Solothurn.

Christine Ryser leitete 32 Jahre lang die Kinder- und Jugendbibliothek in Solothurn.

Hansjörg Sahli

Christine Ryser, wie sind Sie eigentlich Kinder- und Jugendbuch-Bibliothekarin geworden?

Christine Ryser: Zunächst habe ich mich zur Primarlehrerin ausbilden lassen. Doch schon nach kurzer Zeit im Schulunterricht spürte ich, dass die Arbeit in einer Bibliothek mein Traumberuf wäre. Da wurde zufälligerweise vom damaligen Leiter der Zentralbibliothek Solothurn, Hans Sigrist, eine «Hilfskraft» für die Beratung und Betreuung für die Vorschul- und Erst-Lesealter-Abteilung gesucht. Rückblickend eine sehr moderne Haltung von Sigrist, diese Erst-Leser fördern zu wollen. So kam ich in die Zentralbibliothek. Übrigens hat sich in meinem letzten Berufsjahr ein Kreis zur Schule wieder geschlossen. Ich konnte in der Begabtenförderung in Biberist im Fach Kinder- und Jugendliteratur und Bibliothekswesen unterrichten.

Später haben Sie sich weitergebildet?

Ja, im Jahr 1980 schloss ich dann die Ausbildung zur diplomierten Bibliothekarin ab. Das waren zwei harte Jahre, in denen mich mein Mann und die Familie stark unterstützten. In bester Erinnerung bleibt mir auch mein Praktikum an der internationalen Jugendbibliothek in München.

Sie waren dann, neben Ihrer Arbeit in Solothurn, viele Jahre noch in verschiedenen schweizerischen Kinder- und Jugendbuch-Gremien tätig.

Ich schrieb viele Jahre lang Rezensionen für Kinder- und Jugendbücher im Solothurnischen Schulblatt. Daneben war ich auch Mitglied im Bund für Schweizer Jugendliteratur; Präsidentin der Regionalgruppe Solothurn. Ich bin noch in der Jurykommission für den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis, im Stiftungsrat SJW, in dessen leitendem Ausschuss bis vergangenes Jahr, und jetzt führe ich noch den Leserkreis des gemeinnützigen Frauenvereins Solothurn.

Stets haben Sie sich mit Kinder- und Jugendliteratur auseinandergesetzt. Wollten Sie nie ins «Erwachsenenfach» wechseln?

Nein, mein Interesse an dieser Literaturgattung war immer gleich gross. In der Kinder- und Jugendbuchwelt wird ja auch jeder Bereich unserer Gesellschaft thematisiert. Das gefällt mir.

Was war denn das Schönste an Ihrer Arbeit?

Kinder und Bücher zusammenbringen. Aber auch Eltern, Grosseltern oder Lehrer auf gute Bücher aufmerksam zu machen. Beratung ist das Wichtigste in der Bibliotheksarbeit.

Ein spezieller Bereich sind die Bilderbücher. Welche Beziehung haben Sie dazu?

Ein Lieblingsbereich von mir. Den Lesern und Benutzern – in der Regel Kindergärtnerinnen – die Augen für neue Bildwelten zu öffnen, das war immer eine besondere Herausforderung.

Was soll Ihrer Meinung nach ein gutes Kinder- und Jugendbuch vermitteln?

Es soll die Welt erklären, Poesie vermitteln und zum Lesen animieren – und es soll vor allem auch Spass machen.

Und welche Bücher gehören in eine Bibliothek?

Früher hiess es, in die Bibliothek gehört nur die beste Jugendliteratur. Heute ist man der Ansicht, dass Kinder lesen sollen, was ihnen Freude macht. Sogenanntes Lesefutter ist wichtig. Das fördert die Leseentwicklung, motiviert und bringt Lesekompetenz. Genau diese Ziele zu erreichen, das ist die Aufgabe einer Kinder- und Jugendbibliothek mit ihrem breiten und attraktiven Angebot. Deshalb wird in der Zentralbibliothek auch ein solch breites Angebot offeriert. Es ist enorm wichtig, Kindern Geschichten zu erzählen und sie auf Buchinhalte neugierig zu machen. In der Kinder- und Jugendbibliothek werden beispielsweise Geschichtenstunden abgehalten. Aber nicht nur auf Deutsch, auch auf Tamilisch, Türkisch, Russisch und Spanisch. Doch eindeutig ist, die wichtigste Voraussetzung zum Lesen wird im Elternhaus geschaffen.

Heute gibt es für Kinder aber noch viel mehr als «nur» Bücher.

Es gibt auch DVDs, Hörbücher, Games und anderes. In Solothurn haben wir vor rund 10 Jahren begonnen, die sogenannten Non-Books in der Kinder- und Jugendbuch-Abteilung anzuschaffen. Während man zunächst diese Medien als Bücher-Konkurrenten sah, betrachtet man die Non-Books heute als Ergänzung zum Buch. Kinder sollen durch die vielfältige Nutzung auch Medienkompetenz erwerben. Ich glaube aber, dass trotz der verschiedenen Medien wie Games oder Lernsoftware das Buch nicht verschwindet. In den Ausleihstatistiken boomen aber derzeit die Hörbücher.

Apropos Boom. Hilft nicht auch Zauberlehrling Harry Potter, Kinder und Jugendliche wieder vermehrt in die Bibliothek zu bringen?

Ganz sicher haben diese Geschichten viele Kinder – und Erwachsene – zum Lesen gebracht. Sie haben sogar eine richtige Mystery-Welle in der heutigen weltweiten Kinder- und Jugendbuchliteratur ausgelöst.

Jetzt haben wir vor allem über die Vorlieben der jungen Bibliotheksbenutzer gesprochen. Welches ist aber denn Ihr ganz persönliches Lieblingsbuch?

Ich war als Kind ein richtiger Bücherwurm. Damals liebte ich «Timpetill oder die Stadt ohne Eltern» von Harry Winterfeld. Das Buch ist 1937 erschienen und heute noch antiquarisch erhältlich. Von den neueren Erscheinungen gefällt mir besonders Jürg Schubigers «Wilhelm Tell» oder «De Strubelpeter», der Struwelpeter auf Mundart. Bei den Bilderbüchern gefallen mir die Bücher von Binette Schröder oder Anthony Brown.

Und wie halten Sie jetzt, nach der Pensionierung, den Kontakt mit der Bücherwelt aufrecht?

Ich lese viel, jetzt habe ich ja endlich Zeit dafür – auch für meine Arbeit im Lesekreis und für die Jurykommission. Ich gehe oft in Buchhandlungen, schaue im Fernsehen den Literaturclub, lese Buchrezensionen, lese meinen Enkeln vor und schenke ihnen Bücher. Also, ein Leben ohne Bücher kann ich mir nicht vorstellen.