Sie tragen abenteuerliche Namen: «Bärner Gring» «Blaues Wunder», «Hosenlupfkäse» (aus aktuellem Anlass?), «Änneli, alte Liebe» oder «Nonnenstolz» – und sie waren am Donnerstag die Stars der Solothurner Vorstadt. Genauer: am sechsten Solothurner Chästag, der im Dreieck Dornacherplatz-Rossmarktplatz-Kreuzackerquai mit rustikalem Ambiente, Käseduft, dem Muhen der Kühe, den Chorklängen der Jodlerclubs und gesamthaft 70 Marktständen lockte.

Robert Flückiger, Präsident des Vereins Solothurner Chästag vor Beginn des Anlass

Robert Flückiger, Präsident des Vereins Solothurner Chästag vor Beginn des Anlass

Und so abenteuerlich wie die Produkte sind auch die Geschichten hinter jedem einzelnen Mutschli, hinter jeder einzelnen Käsekreation. So entstammt der «Nonnenstolz» einem Rezept der ehemaligen Rüegsauer Benediktinerinnen, wie am Stand der Dorfkäserei Sumiswald zu erfahren ist.

«Fast wie der Bumann»

Einer, der den Dingen rund um den Käse gerne auf den Grund geht und schon immer ging, ist Rolf Beeler. Der Maître Fromager gilt als Koryphäe und klappert mit kritischem Auge die einzelnen Käsestände ab, degustiert, diskutiert, bewertet und erzählt. Auf seinem programmierten Rundgang ist er mit Mikrofon bewaffnet – seine Fachmeinung schallt durch die Vorstadtgassen: «Fast ein bisschen wie Restauranttester Bumann», scherzt der Käseexperte und bleibt doch zurückhaltend mit kritischen Bemerkungen. Stattdessen beantwortet er die Frage aller Fragen – nämlich, wie die Löcher in den Käse kommen: Heupartikel und Propionsäurebakterien sorgen für Gaseinschlüsse – sie sind es auch, die dem Emmentaler seine Süsse verleihen.

Maître Fromage Rolf Beeler schaut sich am Chästag die Stände und deren Produkte an. Hier bei der Bergkäserei Fritzenhaus.

Maître Fromage Rolf Beeler schaut sich am Chästag die Stände und deren Produkte an. Hier bei der Bergkäserei Fritzenhaus.

Entzückt und gleichzeitig wehmütig ist Beeler, als er am Stand von Beat Marro einen Gruyère mit Einschlüssen entdeckt: «Es ist schade, dass die Löcher sonst immer weniger erwünscht sind», stellt er fest. Grundsätzlich setzt Beeler in seiner Arbeit als Händler und Entwickler einen Gegentrend zum grossindustriell produzierten Standardkäse. «Der Standardgeschmack ist das grosse Thema», sagt Beeler. Und so sei es richtig, dass kein Käse wie der andere schmeckt, ebenso wie es bei der alpinen Pflanzenvielfalt auch keine Wiese zweimal gibt oder sich ein Sommer genau gleich wiederholt. Damit erstaunt es nicht, dass die Grossverteiler seinen Geheimnissen auflauern, wie Beeler sagt. Für ihr eigenes Feinkost-Angebot halten sie ein Auge darauf, welche Wiesen und Käser er besucht.

«Luege, lose, gniesse»

Natürlich dient der Chästag nicht nur dazu, sich fachlich in die Geheimnisse der Produktion und Verfeinerung zu vertiefen. Der Anlass, organisiert vom gleichnamigen Trägerverein, bietet daneben natürlich auch Stimmung und Folklore – getreu dem diesjährigen Motto «Luege, lose, gniesse». Unter der Rubrik «Luege» zieht der traditionelle Alpabzug zur Mittagszeit vom Baseltor via Chronestutz zum Dornacherplatz viele Schaulustige an. Die angelaufenen grossflächigen Teerarbeiten auf dem Kreuzackerplatz werden dabei souverän um«schifft».

Und die zuweilen störrischen vierbeinigen Hauptdarsteller lassen sich zu guter Letzt doch noch an ihren Zielort bringen. Worauf es bei der Bewertung einer Kuh ankommt, erfährt man anlässlich der Viehschau – bevor dann letztlich auch die «Miss Leberberg» nach entsprechender Musterung gewählt wird.

Auch andernorts wird erkoren: Ebenso schöne und vor allem farbenprächtige Vierbeiner haben Schulklassen der Region für einen Kuhwettbewerb beigesteuert. Von den verzierten Kunstwerken hätte allemal jedes einzelne den Sieg verdient.

«Wollen regional präsent ein»

Vereinspräsident Robert Flückiger rechnet, dass noch mehr Leute als im Vorjahr den Weg nach Solothurn gefunden haben. 2015 waren es geschätzte 16'000 Besucher, heuer dürften es rund 20'000 gewesen sein. Gewachsen ist auch die Zahl der Stände: von 45 auf 70, was unter anderem durch die Versetzung des Streichelzoos in den Kreuzackerpark möglich wurde.
Dabei ist Wachstum eigentlich nicht die primäre Zielsetzung des Organisationskomitees, wie Flückiger weiter erklärt: «Wir wollen vor allem regional präsent sein», obschon der Fokus neben kantonalen Anbietern auch auf Betriebe aus Bern, dem Jura, dem Aargau und der Innerschweiz liegt.

Aus Grindelwald ist die Familie von Adolf Kaufmann angereist. Dessen Gattin Daniela freut sich jedes Mal, «ins schöne Solothurn zu kommen». Mit dabei auch die zehnjährige Tochter Mia, die am Stand tatkräftig mithilft. Übrigens: Ihr Lieblingskäse ist Fondue, und auch der ist konsequenterweise Thema am Chästag – trotz Hitze ...

Impressionen vom 6. Chästag 2016

Impressionen vom 6. Chästag 2016