Kaum ein Strassenzug in der Stadt hat sich in den letzten Jahren optisch so verändert wie die Berntorstrasse. Mehr als die Hälfte aller Fassaden zwischen Volkshaus und Wengibrücke haben einen neuen Anstrich erhalten; etwa die Pizzeria Il Ponte del Sole, das Coiffeurgeschäft Gidor, der Rote Ochsen oder der Adler.

Wer nun glaubt, dass sich seit Eröffnung der Westumfahrung vor fünf Jahren und der Verkehrsberuhigung die Vorstadt zum begehrten Quartier entwickelte, sieht sich getäuscht. Demnächst stehen wieder drei aneinandergrenzende Lokale leer: Das Schneideratelier Emini Collection macht in den nächsten Wochen dicht, und seit letzter Woche ist der angrenzende Thai-Shop geräumt. Auch das Parterre in der Liegenschaft neben dem Kino Capitol steht leer.

Zu wenig Laufkundschaft

Ist die Berntorstrasse schlicht ungeeignet fürs Gewerbe? Fragt man Emin Behramaj, scheint es so. Kaum ein Jahr konnte er seine Schneiderei Emini betreiben. Den Grund für die Schliessung fasst er knapp zusammen: «Zu wenig Laufkundschaft.» Am Anfang sei das Geschäft noch gut gelaufen, «doch ab Januar war hier tote Hose.»

Die eher hohen Preise für seine qualitativ hochstehende Mode dürften die Solothurner auch nicht in Scharen angelockt haben. Abschreckend habe auf seine Kunden die Gassenküche im «Adler» gewirkt, sagt Behramaj. Auch die schmalen Trottoirs zögen kaum Laufkundschaft an. Nun zieht er, der sich von der Vorstadt einiges erhofft und viel Geld ins Lokal investiert habe, enttäuscht nach Basel zurück, wo er eine Schneiderei betreibt.

Drogist Martin Tschumi, Präsident der Vereinigung Pro Vorstadt und Sohn des Liegenschaftsbesitzers Werner Tschumi, zweifelt an Behramajs Ladenkonzept für diese Lage. Und auch er weiss, woran es in der Vorstadt fehlt: «Zu wenig Laufkundschaft.»

Beizen laufen gut

Von Tristesse mag Martin Tschumi aber nichts wissen. Er steht mit allen drei Lokalbesitzern in Kontakt und ist zuversichtlich, dass bald Nachfolger gefunden werden. Und für das Lokal neben dem Capitol, dessen Fassade letztes Jahr renoviert wurde und das einen grossen Innenhof hat, sei man mit einer Institution in Verhandlung, die viel Potenzial verspreche. Noch sei aber nichts spruchreif. Er spricht davon, dass sich die Betriebe sogar ergänzen könnten.

Überhaupt: Für die Beizen läuft das Geschäft an der Berntorstrasse gut. Neue Betriebe wie der Rote Ochsen oder die Trattoria Napoli sind regelmässig ausgebucht. Eine negative Ausstrahlung hätten einzig die Rotlichtetablissements im ehemaligen Du Nord und neben dem Capitol. «Die schrecken halt eher ab». Langfristig setzt Tschumi auf die geplante Begegnungszone und die Umgestaltung des Strassenraums.

Gemäss Andrea Lenggenhager, Leiterin im Stadtbauamt, wird der Rossmarktplatz ab Frühling 2014 umgestaltet. «Eigentlich wollten wir schon dieses Jahr beginnen», sagt Lenggenhager. Doch das Projekt hat sich aufgrund Einsprachen verzögert. Auch die Berntorstrasse wird umgestaltet, voraussichtlich ab 2015 (siehe Kontext). Dadurch soll die Attraktivität des Quartiers gesteigert und eine optische Anbindung an die Altstadt erreicht werden.

Hotspot für Kreative

Und welche Art Lokale sähe Pro-Vorstadt-Präsident Martin Tschumi am ehesten in der Vorstadt? Für ihn könnte sich das Quartier zu einem kreativ-künstlerischen Hotspot entwickeln. Zumal die Mieten noch immer massiv niedriger sind als ennet der Aare. «Hier können sich Geschäfte etablieren, die die Zinsen in der Altstadt nicht mehr bezahlen können.» Doch die Quartierentwicklung brauche ihre Zeit, es sei ein steter Kampf. Spätestens, wenn das Einbahnregime für die Busse greift und die Gastrobetriebe die verbreiterten Trottoirs in Beschlag nehmen, soll der Aufschwung einsetzen. Bis dahin, so Tschumi, bleibe die Entwicklung «auf Messers Schneide».

Am Dienstag, 20. August um 19 Uhr findet für Anwohner im Volkshaus eine Information zur Umgestaltung der Berntorstrasse statt.