Bellach
Crowdfunding: Sie wollen Menschen mit Behinderung eine Coaching-Ausbildung ermöglichen

Eva Bouchoux und Stefan Keller aus Bellach sammeln Geld, um Menschen mit Behinderung eine Ausbildung finanzieren zu können.

Christina Varveris
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Stefan Keller und Eva Bouchoux haben das Projekt «Klärwerks 11» lanciert.

Stefan Keller und Eva Bouchoux haben das Projekt «Klärwerks 11» lanciert.

Hanspeter Bärtschi

«Wer mit einer Behinderung auf die Welt kommt, dem wird weniger zugetraut», sagt Eva Bouchoux. Ein Mensch, der mit Klumpfüssen, offenem Rücken oder mit einer Cerebralparese geboren werde, könne noch so intelligent sein, er hat es im Berufsleben schwerer.

Diesem Missstand wollen Eva Bouchoux und Stefan Keller entgegenwirken. Auf der Crowdfunding-Website lokalhelden.ch sammeln sie Geld, um zehn Menschen mit körperlicher Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung eine Coaching-Ausbildung zu ermöglichen.

«Das Projekt richtet sich an zehn Menschen, die sich neu orientieren möchten, im Arbeitsumfeld wachsen oder andere Menschen als Coach und Berater begleiten wollen», sagt Stefan Keller. Ziel des Projektes sei es, dass die zehn Menschen mit Behinderung ihre Biografie reflektieren, um sich so im Arbeitsmarkt besser positionieren zu können.

Was viele Menschen mit Behinderung erleben

Der 58-jährige Botschafter der Stadt Solothurn hatte vor acht Jahren einen Gleitschirmunfall und ist seither als inkompletter Paraplegiker mehrheitlich im Rollstuhl unterwegs. Er hat erlebt, was viele Menschen mit Behinderung erleben:

«Ich fand keinen Job mehr.»

Also entschied er sich, sich selbstständig zu machen. Als Coach, Mentor und Berater. «Doch nicht alle haben diese Kraft», weiss er, deshalb möchte er anderen Menschen mit Behinderung, die Ausbildung zum «Diplom Integral Coach» ermöglichen.

Auch Eva Bouchoux wird die Menschen mit Behinderung coachen und auch sie weiss, wovon sie spricht. Sie hat mit ihren 42 Jahren bereits einen beachtlichen Karriereweg hinter sich. Nach zwei Studiengängen in Chemie- und Wirtschaftsingenieurswesen verantwortete sie mit 24 Jahren bei einem Chemiekonzern ein globales Einkaufsbudget von 500 Millionen Franken und mit 32 Jahren wurde sie Vice-President beim Grosskonzern ABB.

Als globale Führungskraft und mit zwei kleinen Kindern ging aber selbst ihr als Vielbegabte der Schnauf aus. Zwei Burn-outs innerhalb der letzten 15 Jahre warfen sie auf sich selbst zurück. «Fast alle Menschen wachsen mit Glaubenssätzen auf», sagt Eva Bouchoux. Der ihre war: «Nur als Beste bekommst du Anerkennung.» Und dieser Glaubenssatz führte dazu, dass sie sich übernahm.

Überzeugungen sind veränderbar

Glaubenssätze und Überzeugungen können verändert werden. Für Menschen mit Behinderungen ist das aber doppelt schwer. «Sie leiden noch heute unter den gesellschaftlichen Mustern, dass Behinderung Unheil bedeutet, dass Menschen mit einer Behinderung weniger wert sind. Invalid heisst ungültig, valid bedeutet gültig», so Eva Bouchoux.

Dazu kommt: «15 Prozent der Bevölkerung sind Menschen mit einer Behinderung», sagt Stefan Keller. In der Schweiz sind das 1.5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter. «Doch nur rund 220'000 dieser Menschen erhalten eine IV-Rente.» Mit einer Behinderung sei man von einem zweieinhalbfachen Armutsrisiko betroffen.

Genügend Gründe, diese Menschen zu unterstützen. Die erste Finanzierungsschwelle von 8000 Franken ist bereits erreicht. 39'000 Franken kostet das Projekt insgesamt. Die Crowdfunding-Aktion unter dem Namen Klärwerks 11 dauert noch bis Ende September. Verschiedene Organisationen und Firmen unterstützen Klärwerks 11 bereits.

Keinen Grund, das Rad zurückzudrehen

Eva Bouchoux arbeitet zudem daran, Firmen dafür zu sensibilisieren, dass auch Menschen mit Behinderungen genauso motivierte und talentierte Mitarbeiter sind. Sie sagt:

«Das Schwierige sind die Glaubenssätze, die Menschen ohne Behinderung zum Thema Behinderung haben.»

Zum Beispiel: «Das Leben mit einer Behinderung ist nicht lebenswert», «Menschen mit Behinderung können nicht produktiv arbeiten» oder «Das Leben mit einer Behinderung ist grundsätzlich schwer».

Ist es nicht, wenn man Stefan Keller glaubt. Auch wenn er könnte, würde er seinen Unfall nicht rückgängig machen wollen, sagte er in einem früheren Interview. «Mein Unfall war eine Krise, die ich überwunden habe und an der ich gewachsen bin.» Es gebe, wie bei jeder überwundenen Krise, keinen Grund, das Rad zurückzudrehen.

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