Sinfonieorchester Biel Solothurn

Bekannte Dirigentin tritt in Solothurn auf – «Es existiert keine Provinz!»

Nathalie Stutzmann dirigiert 2016 das OSESP Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo (Schubert - Symphony No. 4 "Tragic")

Nathalie Stutzmann dirigiert 2016 das OSESP Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo (Schubert - Symphony No. 4 "Tragic")

Die bekannte französische Dirigentin Nathalie Stutzmann gastiert am Freitagabend im Konzertsaal Solothurn. Es werden Werke von Beethoven, Mozart und Brahms präsentiert.

Führungspositionen am Dirigentenpult sind noch fast immer nur in Männerhand. Nathalie Stutzmann ist eine Maestra, die es geschafft hat. Erst eroberte die gebürtige Französin die Konzertpodien als Altistin und seit einigen Jahren gehört sie zu den wenigen Frauen, die es an die Spitze grosser Orchester, wie das London Philharmonic Orchestra, Rotterdam Philharmonic Orchestra, Philadelphia Orchestra und das Spanische Nationalorchester, geschafft haben.

Am Freitagabend leitet Stutzmann das Sinfonie Orchester Biel Solothurn (Tobs) im Konzertsaal Solothurn, welches Werke von Beethoven, Mozart und Brahms präsentiert.

Nathalie Stutzmann, Sie gastieren an Festivals und Musikmetropolen. Am Donnerstag konzertieren Sie in Biel und am Freitagabend in Solothurn. Warum hat es Sie in die «Provinz» verschlagen?

Nathalie Stutzmann (lachend): Es existiert keine Provinz. Nur Städte mit guten und solche mit schlechten Musikern. Das Engagement resultiert aus der Bekanntschaft mit Tobs-Orchestermanager Marco Antonio Pérez-Ramirez, den ich von Montpellier her kenne. Er hat mich in meinen Anfängen als Dirigentin sehr unterstützt. Und da ich eine loyale und dankbare Person bin, sagte ich sofort zu, als er mich bat, das Tobs-Orchester zu dirigieren. Zudem lebe ich seit vielen Jahren in der Nähe von Lausanne, bin stolz auf den Schweizer Pass und freue mich, neben dem Verbier Festival und der Genfer Victoria Hall in der Schweiz aufzutreten.

Haben Sie das Programm – Beethovens Coriolan-Ouvertüre, Mozarts Oboen-Konzert und Brahms Sinfonie Nr. 2 – ausgewählt?

Die Brahms-Sinfonie habe ich ausgesucht, weil mich mit Brahms eine grosse Liebe verbindet. Als wir über das Programm gesprochen haben, sagte man mir, dass der Solo-Oboist des Orchesters, Edmund Worsfold Vidal, gerne das Mozart Konzert spielen möchte. E voilà, also machen wir es. Ich liebe Herausforderungen.

Frauen am Dirigentenpult sind noch immer eine Minderheit. Spüren Sie als Dirigentin Ressentiments seitens der Orchestermusiker oder vom Publikum?

Noch vor fünf Jahren begegnete ich häufig dem Vorurteil, der Dirigentenstab gehöre nicht in Frauenhand. Eigentlich spüre ich erst jetzt den Wandel. Dirigentinnen sind keine Kuriosität mehr, werden akzeptiert, sind selbstverständlicher geworden. Immer mehr Frauen drängen ans erste Pult, und es wurde auch Zeit. Frauen bringen frischen Wind in die hierarchische Klassikszene. Aber der Weg ist steinig und man braucht Förderer. Mein Mentor war Simon Rattle. Er bestätigte mich und sagte: Du musst das machen. Heute wird Kompetenz respektiert. Kürzlich dirigierte ich Wagners Tannhäuser und keiner lästerte: Ach, eine Frau.
Neben Gesang haben Sie Klavier, Fagott und Viola studiert. Wie weit hilft dies beim Dirigieren?
Eigentlich wollte ich zuerst Klarinette studieren, aber das Fagott mit seinem tiefen und warmen Klang kam mir als Altistin noch mehr entgegen. Es passt zu meiner Stimme. Natürlich hilft es, verschiedene Instrumente zu beherrschen. Ich weiss, wie die Bläser atmen, verstehe die Streicher des Orchesters.

Sie wechselten nicht als Nobody ins Dirigentenfach, sondern als berühmte Altistin. Profitiert die Dirigentin von der Sängerin und umgekehrt?

Anfangs zehrte ich davon, dass ich mit einem bekannten Namen starten konnte. Doch davon allein kann man nicht bestehen. Der Vorteil als Sängerin besteht für mich darin, dass ich dem Orchester vorsinge, wie ich bestimmte Stellen haben will. Dies verstehen sie besser als Worte. Ich bemühe mich auch als Dirigentin, diese Stellen schön zu singen und zu phrasieren. Danach bringe ich das Orchester zum Singen.

Hat das Dirigieren das Singen verdrängt?

Keineswegs. Gerade war ich drei Wochen auf Konzert-Tournee in Japan, wo ich viel Schubert gesungen habe. Auch die «Winterreise», die ja zumeist von Männern gesungen wird. Doch der Liedzyklus ist wie geschaffen für mein Alt-Timbre. Zudem trete ich oft mit meinem Kammerorchester Orfeo 55 auf, dirigiere und singe gleichzeitig. Und das funktioniert. Ich bin eben ein «Original» und mache alles ein bisschen anders als üblich. Meine Stimme ist noch immer elastisch, hat das Lyrische und den Farbenreichtum behalten. Von daher empfinde ich es auch als Verpflichtung, mit dem Singen nicht ganz aufzuhören.

Sitzen in den Konzerten mehr Fans der Sängerin oder der Dirigentin Nathalie Stutzmann?

(Lacht). Natürlich auch Bewunderer der Sängerin. Doch sie wissen, dass ich als Dirigentin mit der gleichen Sorgfalt und Inbrunst die Tiefe auslote und phrasiere. Ich bin mit demselben Feu sacré dabei.

Freitag, 16. Juni 2017, 19.30 Uhr, Konzertsaal Solothurn. Abendkasse ab 18.30 Uhr oder vormittags bis 12.30 Uhr Bestellung an Theaterkasse Tel. 032 626 20 70. Werkeinführung ab 19 Uhr im kleinen Konzertsaal.

Meistgesehen

Artboard 1