Wenn Luisa Heislbetz über das Pilgern spricht, dann verändert sich ihr Tonfall und ihre Augen beginnen zu leuchten. Sie spricht über etwas, dass bereits seit ihrer Kindheit zu ihr gehört.

Das Pilgern sei ein Abbild des Lebenswegs, sagt sie. Die zierliche Frau sitzt in ihrem Büro im Pfarreihaus der St.-Ursen-Kathedrale. Letztes Jahr führte sie ihr Lebensweg zurück in die Seelsorge, als Gemeindeleiterin der Solothurner Stadtkirchen.

Zuvor war sie viele Jahre als Personalverantwortliche des Bistums Basel tätig. «Es ist das Wissen, dass wir zwar hier auf Erden sind und uns darauf zurechtfinden müssen, aber wir sind nicht nur für diese Erde geschaffen», sinniert die 58-Jährige übers Pilgern. «Einmal ist das Leben fertig – und was ist dann?» Viele Menschen stellen sich solche Fragen.

Unterwegs sein

Luisa Heislbetz ist in der bayerischen Stadt Neumarkt aufgewachsen. Dort wurden über das Jahr hinweg Wallfahrten an unterschiedliche Orte durchgeführt. «Am ersten Tag der Sommerferien etwa marschierten wir zu einer zwanzig Kilometer entfernten Marienkirche», erinnert sich Heislbetz. «Da ging man um vier oder fünf Uhr los. Es war natürlich toll, da mitzulaufen», strahlt sie.

Nach ihrem Theologiestudium in Tübingen arbeitete sie dann fürs Bistum Basel. Vor rund 20 Jahren packte sie dann erneut die Pilgerlust. «Besonders auch wegen der Beschreibungen des Jakobswegs und weil ich Leute kannte, die diesen Weg gemacht hatten, das hat mich interessiert, ja fasziniert.»

In einer Gruppe von 6 bis 12 Personen pilgert sie seither etwa jedes zweite Jahr ein Stück des Jakobswegs Richtung Santiago de Compostela. Immer gut eine Woche lang. Bisher vor allem in Frankreich. Sowohl Wallfahren als auch Pilgern sei ein Weg auf ein Ziel hin. 

Bei der Wallfahrt stehe aber der Ort im Zentrum. «Die Leute deponieren etwa eine Bitte oder einen Dank bei einem Heiligen, der für sie eine Fürsprechfunktion hat.» Beim Pilgern stehe der Weg im Zentrum. «Ich nehme den Weg intensiver wahr und gestalte ihn bewusst. Wir haben eine Haltung des Unterwegs-Seins.»

Wahrnehmung schärfen

Eine Tagesetappe erstreckt sich über rund 25 Kilometer. Trotz aller Mühe, die das bereiten kann, betont Luisa Heislbetz die befriedigende Erfahrung. Am Pilgern schätzt sie besonders zwei Dinge. Zum einen die bewusste Wahrnehmung. «Im Alltag habe ich nicht genügend Zeit all das, was mich umgibt, auch wirklich zu erkennen.» 

Der Pilgerweg aber zwinge einen geradezu, genau hinzuschauen. Etwa wenn nach tagelanger gleichförmiger Landschaft plötzlich ein Hügel auftaucht oder eine Kapelle. Oder wenn eines Morgens überraschenderweise Nebel über der weiten Ebene liegt. «Eine Stunde lang diese Veränderungen zu spüren, das ist wunderbar.» Ein solch konzentriertes Lebensgefühl vermittle eine «innere Ruhe», stellt Heislbetz immer wieder fest.

Bei jedem Wetter draussen

Was aber, wenn jemand auf dem Pilgerweg ans Ende seiner (körperlichen) Kräfte kommt? «Wir ermuntern uns immer wieder gegenseitig in der Gruppe.» Die Unterstützung durch die Gruppe helfe auch, wenn jemand einen persönlichen Rat sucht, zum Beispiel, wenn eine schwierige Entscheidung ansteht.

Die Pilger-Gruppe von Luisa Heislbetz bereitet die Reisen gemeinsam vor – und pflegt auch auf der Pilgerreise selber ganz bestimmte Rituale: «Wir beginnen zum Beispiel den Tag mit einer Besinnung und vielleicht auch mit einem Lied.» Am Abend spreche man über die Erfahrungen und Gedanken des Tages. Während des Pilgerns schweige man dann aber oft über Stunden hinweg.

Einige Pilger-Erfahrungen, so Heislbetz, lassen sich zumindest ansatzweise auch beim Wandern machen. Anders als der Wanderer ist der Pilger aber oft bei schlechtem Wetter unterwegs. Der Jakobsweg, der entlang alter Händlerrouten führt, zeichnet sich zudem längst nicht immer durch landschaftliche Schönheit aus.

Und auch kulturelle Höhepunkte wie bestimmte Kirchen oder Klöster liegen weit auseinander – und können deshalb nie der einzige Grund sein, sich auf den Jakobsweg zu machen.

Im Sommer wieder unterwegs

Diesen Spätsommer ist es wieder so weit. Luisa Heislbetz wird die letzte Etappe auf französischem Boden unter die Pilgerfüsse nehmen und es dann wohl noch ein Stück weit in die Pyrenäen schaffen.

Von ihrem Schreibtisch in Solothurn aus, wo viele kleine Stapel Arbeitspapiere geordnet auf sie warten, hat die Pilgerin Ausblick auf eine Wand der St.-Peters-Kapelle. Und wohl kaum Zeit, sich in Gedanken unter die Zitronenbäume zu setzen, um mit südfranzösischen Einheimischen zu plaudern.