Solothurner Oktoberfest
Beim Oktoberfest bleibt nur das Personal am Boden

Drei Nächte Oktoberfest in der Solothurner Reithalle stellen an das Stehvermögen hohe Ansprüche – vor allem oben auf den Festbänken.

Christoph Neuenschwander
Merken
Drucken
Teilen
Oktoberfest in der Solothurner Reithalle
17 Bilder
Nur mit dem richtigen Outfit ist man auch richtig dabei.
Aber auch ohne Tracht kam man in die Partyhalle herein.
Die Reithalle war gefüllt
Auf den Tischen tanzen
Die traditionellen Lebkuchenherzen
Die hatten ein Gaudi
Oktoberfest Solothurn
Mit drei Mass unterwegs
Eine Mass leer, die andere halbvoll
Party und Bier

Oktoberfest in der Solothurner Reithalle

Isabel Mäder

Eines sei gleich einmal vorweggenommen: Es ist gar nicht so einfach, auf einer Festbank zu tanzen. Vor allem dann nicht, wenn man sich die Bank mit einem feierwütigen Hüpfkasperl in Lederhosen teilt, der jeglichen Respekt vor der Schwerkraft bereits nach der ersten Mass über Bord geworfen hat. Aufrecht zu stehen und dabei einen Bierkrug zu stemmen oder im Takt der Musik zu klatschen wird auf einem sprungbrettartig federnden Holzladen nämlich zum anspruchsvollen Balanceakt. Da besteht ernsthafte Absturzgefahr.

Nicht, dass dieser Umstand auch nur einen einzigen Besucher des Solothurner Oktoberfests davon abhalten würde, das Brett, das während der dreitägigen Gaudi die Welt bedeutet, zu besteigen. Zeitweise sind die einzigen Füsse, die noch den Boden der Reithalle berühren, die des Personals.

Bedienung fällt nicht auf
Apropos «zeitweise» und «Personal»: Die netten Service-Damen im Dirndl fallen leider durch die zahlreiche nicht-erwerbsmässig-Dirndl-tragende weibliche Konkurrenz zeitweise zu wenig auf. Und wenn sie auffallen, dann durch ihre Abwesenheit. Ebenfalls nur zeitweise, muss man dazu sagen. Aber das nur am Rande.

Und die Reithalle ist ja nun auch wirklich mit durstigen und hungrigen Mündern geradezu vollgestopft. Verständlich also, dass bei all den Masskrügen, Schweinshaxen, Weisswürsten und Brezen, die in der Menge diffundieren, die eine oder andere Bestellung zwischendurch etwas länger dauern kann.

Nochmal zurück zu den Brettern und den darauf Tanzenden: Es scheint nämlich auch niemanden zu kümmern, dass im Falle einer zerbrochenen Bank dem Veranstalter ein Schadenersatz von 90 Franken zu entrichten ist. (Der Tisch kostet 180, ein zerbrochener Krug 20 Franken.) Nach eigener Zählung werden im Verlauf eines Abends mindestens fünf oder sechs kurz und klein getrampelte Bänke entsorgt.

Der «alte Holzmichl»

Anderes Thema: Wer ist eigentlich dieser «alte Holzmichl» und wieso wollen immer alle wissen, ob der noch lebt? Egal. Es wäre nicht richtig, ja diffamierend, das Oktoberfest an dieser Stelle auf Sauflieder und Bierkonsumenten auf Tischen und Bänken zu reduzieren. Obwohl das offenbar schon zwei zentrale Elemente sind. Aber schliesslich ist das Fest auf der Wies'n ein weltbekanntes Kulturgut, und das sicher zu Recht. Es ist eine Tradition, die immer öfter gerne auch in Ländern gepflegt wird, in denen sie nicht heimisch ist. Die Ausübung ist dann zwar meist mit Klischees verbunden, aber das Gute an Klischees ist eben, dass man die nicht erst lernen muss und somit die Aneignung besagter Tradition noch leichter fällt.

Ein Beispiel: Wenn etwa der Sänger der «Glantaler Powermen» ins Publikum ruft: «Prost, ihr Säcke», dann wissen alle, dass sie jetzt zurückschreien müssen: «Prost, du Sack!» Und irgendwie fördert es doch auch den interkulturellen Dialog, wenn eine österreichische Band auf einem bayrischen Fest in Solothurn ein Mundart-Lied von «Plüsch» spielt, oder?

Womit wir nicht bloss beim «Heiweh nach de Bärge», sondern vor allem bei der musikalischen Darbietung wären. Dazu gibt es eigentlich nur zu sagen, dass eine Band, die überzeugend und ohne mit der Wimper zu zucken innerhalb eines einzigen Konzerts «Sierra Madre», «I Love Rock'n'Roll» und eine Panflöten-Adaption von «Don't Cry for me Argentina» spielt, reichlich Anerkennung verdient hat. Die Stimmung ist jedenfalls, wie sie sein soll. Zu Hunderten liegt man sich in den Armen und schunkelt. Schlagerhymne um Schlagerhymne wird bierselig mitgesungen, bis zur Heiserkeit. Ach, und wegen dem alten Holzmichl: «Ja, der lebt noch.»