Solothurn
Beim «Cherzejeger» läuft das Geschäft zur Adventszeit auf Hochtouren

Der «Cherzenjeger» an der Hauptgasse weiss, worauf es bei den vorweihnachtlichen Lichtspendern ankommt. Die Qualität des Dochts spielt beim Abrennen eine wichtige Rolle. Elektrische Kerzen kommen im Sortiment dagegen nicht vor.

Von Katharina Arni-Howald
Merken
Drucken
Teilen
Zu Besuch beim «Cherzejeger» in der Solothurner Hauptgasse
6 Bilder
Der Cherzejeger kann mit Kerzen auch der ausgefallensten Art dienen
Es werde Licht!
Jeweils am Hilari entzündet die Narrenzunft Honolulu beim Cherzejeger die Narrenlaterne
Kerzen jeglicher Form und Farbe gibts beim Cherzejger
Urs Jeger vor seinem Kolonialwarenladen

Zu Besuch beim «Cherzejeger» in der Solothurner Hauptgasse

Wolfgang Wagmann

Jetzt brennen sie wieder in den guten Stuben, spenden Licht, Wärme und Geborgenheit und machen darauf aufmerksam, dass Weihnachten vor der Tür steht. Die Kerze spielt im Leben der Menschen eine besondere Rolle – nicht nur, aber besonders in der Weihnachtszeit. Wer Kerzen verkauft hat Hochsaison – so auch Urs Jeger in seinem Kerzenparadies an der Hauptgasse 36.

«Bereits mein Grossvater hat Kerzen verkauft», blickt er zurück in eine Zeit, als der Kaufmann Georg Wilhelm Fröhlicher nebst Kolonialwaren auch Kerzen verkaufte. Gefragt waren sogenannte Haushaltkerzen, die vor allem einem funktionalen Zweck dienten und in jeden Haushalt gehörten. Noch heute fragen ältere Menschen nach Haushaltkerzen und werden bei Urs Jeger fündig.

Elektrisch ist kein Thema

Auch wenn die weihnachtliche Beleuchtung immer mehr aus elektrischen Lichterketten besteht und der eine oder andere Christbaum in künstliches Licht getaucht wird – die traditionelle Kerze hat noch lange nicht ausgedient. Sie verbreitet gerade in der Adventszeit Festlichkeit und eine wohlige Atmosphäre, lässt Tempo und Hektik vergessen und fasziniert Kinder und Erwachsene gleichermassen.

Der «Cherzejeger»: eine Kerzenspende am Hilaritag

Das an optimaler Lage gelegene Haus Hauptgasse 36 hatte bereits seit dem Mittelalter etliche prominente Eigentümer. Unter ihnen befand sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch Schultheiss Niklaus Wengi der Jüngere, der während der Reformation den Aufstand der Neugläubigen unblutig beendete. Der Kaufmann Georg Wilhelm Fröhlicher erwarb die Liegenschaft 1918. Unter seinem Schwiegersohn Robert Jeger erhielt dann das Geschäft im Volksmund den heute noch legendären Ruf als «Cherzejeger».
Dieser Übername hängt nicht nur mit dem grossen Verkaufssortiment an Kerzen zusammen, sondern auch mit dem Servitut auf der Liegenschaft, wonach der jeweilige Geschäftsinhaber der ortsansässigen Narrenzunft Honolulu am Hilaritag, dem 13. Januar, die Kerze zur Narrenlaterne schenken muss. (ka)

Wer nur schon an der nostalgisch verbrämten Schaufensterauslage von Urs Jeger die Nase platt drückt, bekommt eine Ahnung davon, welcher Kerzenreichtum sich im seit Jahrzehnten kaum veränderten Ladeninnern verbirgt. Die Auswahl ist erstaunlich. Ob prunkvoll verziert, rund, spitz oder eckig, den Ideen der Wachszieher oder Wachsbildner sind keine Grenzen gesetzt. Ein Docht hat selbst in einem Tannenbäumchen, einem Engelsgesicht oder einem Zimtstern aus Stearin oder Paraffin Platz.

Allerdings sucht man im Kerzenparadies die elektrifizierten Kerzen vergebens. «Das würde mir nur schaden», unterstreicht Urs Jeger seine Geschäftsstrategie. Obwohl die Hightech-Lichtmaschinen boomen, stellt er bei sich keinen Geschäftsrückgang fest. Im Gegenteil: Das Kerzengeschäft läuft in diesen Tagen auf Hochtouren. «Eine Spitze stellen wir jeweils vor dem ersten Advent fest, danach sinkt der Umsatz ein bisschen und bleibt dann bis Weihnachten konstant.»

Kostbares Bienenwachs

Wer letztlich die Kerze erfunden hat, ist bis heute nicht ganz geklärt. Doch gibt es kaum einen anderen Gegenstand, dessen Aufbau und Funktionsweise über Jahrhunderte fast unverändert geblieben ist. Und was früher der Kirche oder dem Adel vorbehalten war, ist heute auch dem Volk zugänglich: die Kerze aus Bienenwachs. Das Ausscheidungsprodukt der Honigbiene sei immer noch das Edelste, was man auf dem Markt finden könne, sagt Urs Jeger.

Der hochwertige Rohstoff zeichnet sich durch seine grosse Plastizität und seinen einzigartigen, matten Glanz aus und rechtfertigt auch den etwas höheren Preis. Dem Bienenwachs gegenüber steht die aus Stearin hergestellte Kerze, die tierischen oder pflanzlichen Ursprungs ist und vor allem wegen ihrer Härte und hervorragenden Brenneigenschaften geschätzt wird.

Stearin lässt sich allerdings nicht ziehen oder pressen, sondern nur giessen. Bleibt noch der wichtigste Kerzenrohstoff: das Paraffin, das meist aus Erdöl besteht und bei den Konsumkerzen für den täglichen Gebrauch Anwendung findet. «Man sieht es den Kerzen nicht an, aus welchem Rohstoff sie angefertigt wurden», weiss Jeger. Hinweise gebe lediglich der Preis. «Der Kauf einer etwas teureren Kerze lohnt sich auf jeden Fall.»

Auch auf den Docht kommt es an

Doch nicht nur das Kerzenmaterial, auch der Docht spiele eine wichtige Rolle bei der Kerzenherstellung, betont Urs Jeger. Von seiner Beschaffenheit hänge zum grössten Teil das einwandfreie Brennen der Kerze ab. In früheren Zeiten stellten die Wachszieher den Docht meist selber her, indem sie Garne aus Leinen oder Baumwolle zwirnten. Die Fadenzahl und Stärke war ziemlich willkürlich und richtete sich ganz nach der Erfahrung des Wachsziehers oder nach dem zur Verfügung stehenden Material.

Erst später erkannte man die Bedeutung des Dochtes und stellte fest, dass ein geflochtener Docht ein besseres Standvermögen und bessere Brenneigenschaften aufweist. «Ein schwacher Docht kann das geschmolzene Wachs der Brennschüssel nicht aufsaugen, und die Kerze rinnt», so Urs Jeger. Bei einem zu starken Docht werde die Flamme zu gross, die Brennschüssel sei ständig leer, die Verbrennung unvollkommen und die Flamme rauche.