Musik hat eine eigentümliche Kraft: Sie kann Stimmungen erzeugen, die Fantasie beflügeln. Wenn man die Augen schliesst, während die «Artistes Inconnus» aus Frankreich auflegen, wähnt man sich an einer schweisstreibenden Party in einer dichten Menge von Ravern.Vielleicht ein bisschen wie am «Blood Rave» in der Eröffnungsszene des Vampir-Films «Blade» oder mitten in einem actiongeladenen Duell eines Zombie-Streifens à la «Resident Evil». Electro ist seit jeher die Musik der friedlich Feiernden, andererseits auch gerne verwendeter Soundtrack in Action-Horrorfilmen.

Die Spuren des Festes bleiben zurück

Break. Bass und Synthies verstummen, eine Stimme sagt ruhig: «This is a Firestorm.» Über die geschlossenen Augenlider flackern tausend Farben, die von den Scheinwerfern im Zehntelsekundentakt in immer neuen Formen durch die «Kofmehl»-Halle geschossen werden. Wenn man die Augen öffnet, bleibt der Feuersturm allerdings aus. Wenn auch der Vergleich mit «Resident Evil» noch einen Moment in den Gedanken hängen bleibt.

Vorne ist eine Absperrung aufgebaut, um die tanzenden Horden davon abzuhalten, die Bühne zu stürmen. Am Boden lassen einige zertrampelte Becher und ausgeschüttete Drinks darauf schliessen, dass hier einst ein grosses Fest im Gange war. Doch die Menschen, wenn man die Fantasie vom sphärischen Sound getrieben noch ein wenig weiterspinnen lässt, sind geflohen, vor den anmarschierenden Untoten.

Bass klopf Gänsehaut aufs Brustbein

Es ist Freitag, der zweite Abend des dreitägigen «Insane Festivals», 22 Uhr, die Franzosen übergeben die Turntables an die «Sexinvaders» aus Deutschland. Um 19 Uhr hat die Party angefangen. Zeit genug, um die Fete ordentlich in Schuss zu kriegen, könnte man meinen. Doch die Zeit hat wohl schon manchen, der meinte er müsse an einen Rave gehen, noch bevor die Oma im Bett ist, eines besseren belehrt. Und es stellt sich heraus, dass die Menschenmenge, für die die Schranke vor der Bühne errichtet wurde, nicht da war und längst weg ist, sondern gerade erst eintrudelt.

Der Bass klopft weiterhin Gänsehaut auf das Brustbein. Während über das Publikum Laserstrahlen gleiten, die in futuristischen Zombie-Filmen gerne mal Leute in Scheiben schneiden, füllt sich die Kulturfabrik. Schnell zeigt sich dabei, dass elektronische Musik eben noch immer erreicht, was sie sich mindestens seit dem «Second Summer of Love» 1989 zum Ziel gemacht hat: Menschen in Feierlaune zu vereinen.

Da kann man tragen, was man will: weisses Hemd mit Krawatte, Wollmütze und Ripp-Leibchen, Rastas und Kapuzenpulli oder einfach ein Smiley-T-Shirt und farbig leuchtende Ohrringe. Abgesehen von der jungen Dame, die ihren Freund gelegentlich in den Hals beisst, bleibt nichts mehr übrig von der anfangs unheimlichen Stimmung. Man könnte diesen Umstand fast bedauern, wäre das, was folgt, nicht derart gut.

Höhepunkt beim Mash-up

Der Beat wird schneller bis der Takt an einen Töffli-Motor erinnert, der Mann aus Grossbritannien übernimmt: Leeroy Thornhill mit Partner «Smash HiFi». Sie lassen kurz ein Gitarrenriff aus dem Hause «Red Hot Chili Peppers» die Menge aufheizen und legen dann los, härter und schneller als ihre Vorgänger. Thornhill lässt Synthesizer-Melodien laufen, deren Eindringlichkeit an seine frühere musikalische Tätigkeit als Keyboarder von «The Prodigy» erinnern. Und so entzündet sich der Feuersturm dank des ehemaligen «Firestarters» doch noch.

Die Stimmung erreicht verdienterweise ihren Höhepunkt, als die DJs dem Publikum ein Mash-up von «Sabotage» und «Hot Right Now» präsentieren. Ausgelassen geht es auch zu und her, als ab 0.30 Uhr «Haezer» die Bässe in unergründbare Tiefen treibt. Da fängt selbst der hinterste und letzte Untote im Takt zu nicken an.