Hätte man Angela Späti, Monika Habegger Niggli und Lianne Westerholt vor ein paar Monaten erzählt, dass sie bald zu Malerinnen werden, man wäre von ihnen wohl für verrückt erklärt worden. Nun hängt ein Gemälde des Trios zusammen mit 18 weiteren Bildern im Parterre der Seniorenresidenz Tertianum auf der Sphinxmatte.

Die Bilder sind dort zu sehen, wo die Frauen auch arbeiten. Späti in der Hauswirtschaft, Habegger Niggli am Empfang und Westerholt als Pflegerin. In der Seniorenresidenz leben rund 40 Senioren. Bei einer Vernissage am Dienstagabend konnten sie erstmals die von den Mitarbeitenden geschaffenen Werke bestaunen.

«Hemmschwelle ist gross»

Wie kamen die Tertianum-Mitarbeitenden dazu, Pflegegewand oder Kochschürze gegen die Malerkluft zu tauschen? Nicht ganz freiwillig. «Ich habe die Künstlerin Sara Capretti gefragt, ob sie bei unserem Mitarbeiter-Kulturtag mit uns malen würde», erklärt Ruth Betschart, Direktorin der Seniorenresidenz. Capretti – «für jeden ‹Seich› zu haben» – habe sofort zugesagt.

Die Mitarbeitenden sollten bis zuletzt nicht erfahren, was sie am Kulturtag erwartet. Diese Überraschung ist gemäss Betschart «so richtig gelungen». Als die Mitarbeitenden in ein zum Maleratelier umfunktioniertes Waldhaus traten, Pinsel in die Hand gedrückt bekamen und die leeren Leinwände sahen, hiess es bei den meisten erst mal: «Oh nein, Malen!».

Das Malen sei für viele etwas Ungewohntes, sagt Sara Capretti. «Die Hemmschwelle ist gross», weiss die Künstlerin, «auch weil manch einer schlechte Erinnerungen an den Kunstunterricht hat.» Für Capretti, die hauptberuflich Schauspielerin ist, war der Kunsttag mit dem Tertianum-
Team «ein Experiment mit ungewissem Ende». Dass unterschiedliche Berufsgruppen gerne mit Farben arbeiten, habe sie dann schnell gemerkt: «In jedem schlummert ein Künstler. Es muss nur Klick machen.»

Spass und Rücksicht

Die Mitarbeitenden malten zu zweit oder zu dritt an einem Bild. Zunächst nur ein paar Pinselstriche, doch dann verloren sich viele auf der Leinwand. «Ich hätte nicht gedacht, dass mir Malen so viel Spass bereitet», erzählt Angela Späti. Für Monika Habegger Niggli hatte der Kulturtag einen wichtigen Nutzen: «Man lernt nicht nur das Wesen eines Kollegen kennen, sondern auch Rücksicht auf dieses zu nehmen.»

Die Resultate des Mal-Experimentes prangen bis im Frühjahr 2014 an den Wänden der Seniorenresidenz. Leicht und schlicht wirken viele Bilder, wuchtig und schwerer andere. Einige der Neo-Künstler haben die Farbe in dicken Tränen über die Leinwand laufen lassen.

Obwohl bewusst abstrakte Formen gemalt werden sollten, haben die Bewohner der Seniorenresidenz nun reichlich Stoff für Interpretationen. Wo eine Frau «ganz klar» eine Friedenstaube sieht, erahnt ihr Mann ein Blümchen.

Ziele erreicht?

Was aber hat dieser Spass den Mitarbeitenden gebracht? «Eine gute Gelegenheit, in einem anderen Rahmen ins Gespräch zu kommen», sagt Betschart. Die Direktorin lobt die entspannte Stimmung: «Hier liegt auch mal ein frecher Spruch drin. Das schweisst zusammen.»

In der Managementsprache gibt es dafür ein geflügeltes Wort: Teambuilding. Zu verstehen ist darunter alles, was dem Betriebsklima gut tut. Hierarchien sollen verschwinden, der Arbeitsalltag in den Hintergrund rücken. Auch Sara Capretti hat ihr Ziel erreicht. Bei einigen Mitarbeitenden hat es «Klick gemacht» gemacht: Sie wollen bei Capretti erneut einen Malkurs besuchen.