Solothurn

Bei der Gestaltung des Märetplatzes wusste fast jeder alles besser – Architekt Antonio Schlup erinnert sich

Vor 40 Jahren wurde der Märetplatz in Solothurn umgestaltet. Architekt Antonio Schlupp kämpfte drei Jahre lang um seinen Vorschlag.

Solothurn im September 1977, also vor 40 Jahren. Riesenaufregung herrscht im Stedtli. Es geht um den Märetplatz. Doch immer schön der Reihe nach. Vier Jahre vorher war der Grundsatz-Entscheid gefallen: Die Innenstadt soll verkehrsfrei werden. Aber wie? «Damals gab es noch nichts. Also sammelte man Ideen. Veranstaltete einen Wettbewerb.

Alle konnten mitmachen, sogar Schulklassen.» Tatsächlich gewannen einige Solothurner Bezirksschülerinnen einen «Trostpreis» von einigen hundert Franken. Der erste Preis zur Umgestaltung des Märetplatzes, dotiert mit der Solothurner Schnapszahl von 1111 Franken, holte sich 1974 aber der damals 30-jährige Antonio Schlup aus Lüterkofen.

«Meine Hauptidee war, dass die Trottoirs verschwinden sollen und der Platz zu einer Ebene wird.» Natürlich mussten einige Stufen entlang der westlichen Hausfassaden zur Überwindung des Gefälles rein, und die sechseckigen Beton-Bienenwaben nahmen die Bepflanzung auf. «Die unterste Stufe hätte nicht nur aus einer bestehen dürfen, denn eine Stufe ist keine Stufe. Das war ein Fehler», räumt Schlup noch heute ein. Aber sonst bestach sein Konzept durch die schlichte Auslegung der Idee, auch wenn dann nicht alles so kommen sollte, wie es sich der Wettbewerbsgewinner vorgestellt hatte.

So fiel eine von ihm vorgeschlagene Informationssäule weg, und auch die bogenförmige Pflästerung des Platzes mit normalen Bsetzisteinen wurde später durch einen neuartigen Belag aus rötlichen Porphyrplatten ersetzt.

Im Dschungel der Kommissionen

«Wir hatten damals noch keine Erfahrung mit der Gestaltung von Fussgängerzonen». In der Folge tourte Antonio Schlup durch erste solche Zonen in Winterthur, St. Gallen oder durchs Zürcher Niederdorf. Viele Freunde hatte er in Solothurn nicht, im Dschungel von 13 Kommissionen, unter denen insbesondere die Denkmalpflege und die Altstadt-Kommission kraft ihres Amtes eine mächtige Rolle innehatten. «Eigentlich unterstützte mich in dieser Kommission nur Oskar Sattler durchs Band hinweg», erinnert sich Schlup – paradoxerweise hatte Sattler den 2. Preis im Wettbewerb mit 800 Franken gewonnen.

Die Pflästerung war ein Punkt. Porphyr aus dem Südtirol? Aber wie verlegen? In Splitt, in Teer oder Beton gebettet? Alles probierte man aus – und so wurden Märetplatz und Hauptgasse zuletzt bei der effektiven Umgestaltung 1977 zu einem regelrechten Test-Areal mit kleinen Plättchen, wo noch Autos zirkulieren konnten, und grösseren, wo Fussgängerbereiche die Trottoirs ersetzten. Aber auch viele Details gaben zu reden.

Wo sollte das Loch für den Böögg genau hin, damit man ihn am Aschermittwoch verbrennen konnte? Bäume oder nicht? (Antonio Schlup schüttelt es heute noch) Ebenfalls heiss diskutiert: die Entwässerung. Der Architekt: «Das Regenwasser versickert unten durch fünf Löcher. Es klappt also. Wir wissen nur nicht, wo es rauskommt. Obwohl wir es zu diesem Zweck eingefärbt hatten.»

Der Neo-Solothurner

Zwischen dem Wettbewerbsgewinn 1974 und der eigentlichen Umsetzung 1977 lagen für Antonio Schlup bewegte Jahre. «Zuerst hiess es, den Auftrag könne nur ein Architekturbüro ausführen.» Schlup war jedoch angestellt im Büro von André Miserez. «Er zeigte sehr viel Verständnis, als ich den Wunsch äusserte, selbst ein Büro zu eröffnen.» Doch dann der Hammer: Die Stadtbehörden wollten ihm den Auftrag verweigern.

In diesen Zeiten gehe es nicht an, dass ein auswärtiger Architekt einen solchen Auftrag erhalte. «Mein Vater wandte sich an den SP-Gemeinderat Hans Affolter, und zusammen mit dem Baukommissionspräsidenten Monteil schaffte er es, dass dieser Entscheid rückgängig gemacht wurde.» So konnte der junge Familienvater, der damals auch noch den Auftrag für die Kirche Lüterkofen erhielt, sein Projekt am Märetplatz weiterverfolgen.

«Wir sind hier nicht in Verona!»

Zentral am neuen Märetplatz war, dass mit dem zuvor renovierten Haus Rust ein Betreiber für ein Strassenrestaurant vorhanden war – in Solothurn damals ein Novum. Natürlich wurden auch Neider laut, die fanden, der neue Platz diene nur den Interessen der Anstösser. Doch richtig Aufregung kam ins Stedtli, als es um die Bedachung des Platz-Bistros ging. Antonio Schlup, oft in Italien in den Ferien, war von der südlichen Lebensweise auf der Piazza inspiriert, insbesondere von Verona.

Seine Ideen für mobile Sonnenschirme wie auf der dortigen Piazza delle Erbe kamen aber gar nicht gut an. Schon gar nicht bei Denkmalpfleger Godi Lötscher. «Wir sind hier nicht in Verona!», wurde Schlup barsch beschieden. Die städtische «Expertokratie» heckte die Idee von drei fixen Dächern mit je drei Beinen aus, die Stoff-Dächlein waren der Kuppel des benachbarten Marroni-Hüslis nachempfunden. «Schrecklich», so der damalige Wettbewerbsgewinner, der sich fügen musste.

«Pilze» sorgen für Empörung

Das Dumme an den Dächern: Sie waren «chnütschrot». Und so gingen im September 1977 die Wogen hoch. Nicht nur der bekannte Journalist Fritz H. Dinkelmann schrieb sich seine Empörung über die «greulichen Schirme» vom Leib und folgerte: «Ganz Solothurn ist stocksauer! Wie konnte es zu einer derartigen Entgleisung kommen!» Denkmalpfleger Lötscher machte einen gewundenen Erklärungsversuch, und Stadtammann Fritz Schneider sah sich zu einem ellenlangen Appell in der Presse veranlasst: Man werde sich sicher noch an die Schirme gewöhnen und wichtig sei, das Gesamtresultat der Platzgestaltung im Auge zu behalten.

Auch im Gemeinderat gabs eine Debatte – dann schlugen Scherzkekse zu: Plötzlich prangten weisse Punkte auf den Dächern, die damit zu Fliegenpilzen mutiert waren. Als er das gesehen habe, sei er «fasch verreckt vor Lache», erinnert sich Antonio Schlup. Im November sind die Dächer des Anstosses weg, sie waren ohnehin nur saisonal gedacht. Doch im Frühling tauchten sie einfach nicht mehr auf. Und Solothurn hatte ein Problem weniger. Nun, im Mai 1978, wurde am zweiten Märet-Fescht der neu gestaltete Märetplatz offiziell eröffnet. Auch da ein typisches Solothurner Begleiträuspern: Die Marktfahrer beklagten sich lauthals, dass der Märet auf den Freitag vorverschoben worden war.

Antonio Schlup aber freut sich bis heute über «seinen» Märetplatz: «Er dient nach 40 Jahren noch immer allen. Deshalb bin ich gerne und oft hier.»

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