Altes Spital
Begnadeter Geschichtenerzähler mit einer Reibeisenstimme

Der Folktroubadour Otis Gibbs aus Wanamaker, Indiana, überzeugte mit einfachem Gitarrenspiel, einer rauen und starken Gesangsstimme und wunderbaren und traurigen Geschichten aus seinem bewegten Leben.

Jürg Kübli
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Starker Gesang und traurige Geschichten machen Otis Gibbs aus. ZVG

Starker Gesang und traurige Geschichten machen Otis Gibbs aus. ZVG

Otis Gibbs ist eine imposante Erscheinung auf der Bühne. Mit gepflegtem Vollbart im ZZ-Top-Stil und tätowiert, sowie seinem eindringlichen Gesang überrascht er mit wunderbaren und himmeltraurigen kleinen Erzählungen, welche er singend oder als Anekdoten nachdrücklich seinem Publikum vermittelt. Die meisten seiner neuen Songs habe er in Gedanken an seinen Vater geschrieben. Dieser hätte Otis immer wieder ermutigt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und kreativ zu sein. Aus dem Album «Souvenirs of a misspent youth» spielte er einige Nummern, die fesselnd von seinen vielfältigen Erfahrungen als Hobo, Baumpflanzer, Schafhirte in den Karpaten oder als Hummerfischergehilfe handeln.

Knall und Knall ist nicht dasselbe

Plötzlich knallte es von der Nordseite der Aare her – und Otis sprang vor Schreck in die Luft. Am Vorabend des Bundesfeiertages für uns nicht erstaunlich, versetzte es den Amerikaner Otis Gibbs in Entsetzen. Er klärte auf, dass in den USA ein solcher Knall ein «Bad sign» bedeute, nämlich, dass jemand aus einer Waffe das Feuer eröffne. Kürzlich besuchte Otis das Vietnam Memorial in Washington D.C. Man sagt, dass jeder Amerikaner jemanden kenne, dessen Name auf dem Gedenkstein eingemeisselt sei. Als er dort verweilte, konnte er sich an niemanden erinnern. Doch dann traf ihn der Schlag: Als Kind in Wanamaker, Indiana, hatten die Gibbs einen älteren Nachbarn, der gerade seinen Sohn in Vietnam verloren hatte. Er fand den Namen dieses Sohnes und stand nun trauernd inmitten von Fremden und erinnerte sich an seinen Nachbarn und seinen eigenen Vater. Diese Erfahrung verarbeitete er im Lied «Ghosts of our fathers».

Leben geben

Otis Gibb pflanzte 7176 grosse Bäume, und zwar von Hand mit Pickel und Schaufel, ohne die Hilfe von schweren Maschinen. Das war sein Job während zehn Jahren. Mit kaputtem Rücken tourt er it fünfzehn Jahren als Singer-Songwriter durch die westliche Welt. Otis führt die Tradition dieser Geschichten erzählenden Protestsongs im Sinne von Woody Guthrie und Bob Dylan fort. Als Original, schöpferisch und sehr eigenständig. Man hätte noch stundenlang weiter den Geschichten und selbstironischen Anekdoten des Mr. Gibbs zuhören wollen. Das Publikum war hin und weg.