Stadtbummel Solothurn
Begegnungen mit einem Unbekannten

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Auf der Kreuzackerbrücke kreuzt man sich oft. Manchmal wiederholt.

Auf der Kreuzackerbrücke kreuzt man sich oft. Manchmal wiederholt.

Solothurner Zeitung

Ich sehe ihn fast jeden Morgen. Und manchmal mittags und abends. Den Mann, den ich nicht kenne. Er läuft morgens über die Brücke in die Altstadt, wenn ich aus der Stadt raus laufe. Wenn ich mittags nachhause laufe, kreuzen wir uns wieder. Abends wiederholt sich unser Spiel, das keines ist, sondern nur die Häufung zufälliger Begegnung, die man inzwischen nicht mehr zufällig nennen kann, weil wir uns immer sehen und bemerkt haben. Aber wir reden nicht miteinander, wir sprechen uns nicht an, wir wissen nicht wer wir sind, ausser dass wir uns fast täglich begegnen. Auf dem Land würden wir uns kennen. In der Grossstadt würden wir uns in der Menge nicht auffallen. Solothurn liegt mittendrin.

Manchmal kreuzen wir uns mehrmals täglich. Manchmal schauen wir uns an, wir wissen, dass wir uns kennen. Das bleibt alles. Wir bleiben füreinander Männer ohne Eigenschaften. Wir sind Schweizer, wir sprechen uns nicht einfach so an. Wir sind zurückhaltend und mischen uns nicht ein. Was würde sonst passieren? Vor ein paar Monaten lief ich bei der Waldegg vorbei, als mich ein Deutscher Pilger ansprach, der auf dem Weg nach Santiago de Compostela war. Es war ihm langweilig, er quatschte und quatsche. Ich fand das zuerst nervig, am Ende tranken wir, in Solothurn angekommen, ein Bier und er übernachtete geduscht und mit gewaschenen Kleidern auf unserem Sofa, bevor er am nächsten Tag Richtung Spanien weiterzog.

Vielleicht sollte man mehr reden, einander ansprechen. Aber man will sich ja nicht in andere Leben einmischen. Irgendwann, wird es irgendwo die Gelegenheit geben, Solothurn ist klein, denkt man sich. Aber sonst? Nein. Wir sind so erzogen. Als Fussgänger bleiben wir freiwillig bei rot stehen, obwohl weit und breit kein Auto gibt. Es gibt einfach so Dinge, die man macht, weil man sie macht, obwohl man nicht weiss, warum man sie eigentlich macht (oder nicht macht). Der Mann ist ein Beispiel dafür. Mein Lieblingsbeispiel ist die Wengi-Post. Ich rege mich jedes mal über mich selbst auf. Ich gehe in eine Post, in der niemand ist. Ich bin der einzige Kunde. Aber ich gehe in vorauseilendem Gehorsam zu diesem Kasten, drücke drauf und lasse mich freiwillig vom Kunden zur Nummer degradieren. Jedes Mal. Ich ziehe diese Nummer und mache etwas, das völlig unsinnig ist. Ich weiss es, und ich tue es doch. Nur weil es mir gesagt wurde, dass ich es tun muss. Man will ja keinen Konflikt mit dem Schalterpersonal, man will das System nicht durcheinanderbringen. Immerhin. Muss man mal warten, kann man auf die Nummer wie auf das Handy starren und muss sich nicht mit den Leuten nebenan unterhalten.

Vielleicht ist es besser, nicht zu wissen, wer der Mann ist. Vielleicht spreche ich ihn das nächste mal an, aber zuerst habe ich jetzt Ferien. Vielleicht liest er diese Zeilen, vielleicht nicht. Vielleicht bleibt unsere Begegnung spannender, wenn wir uns nicht kennen.

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