1989, an Ihrem allerersten Arbeitstag, knallte das 1.-August-Feuerwerk. Ein feierlicher Einstieg als Bürgerschreiber.

Sergio Wyniger: An diesem Abend habe ich zwar das Feuerwerk genossen. Dafür war ich zum Stellenantritt am Vormittag angespannt – angesichts einer etwas schwierigen Ausgangslage: Ich hatte keine Einführung erhalten, und eine Übergabe fand ebenso wenig statt. Meine Vorgängerin sowie die Kanzleisekretärin hatten ihren Arbeitsplatz schon vor meinem Antritt geräumt. Man hatte eine Versuchsphase eingeleitet, das Amt der Bürgerschreiberin und des Finanzverwalters zusammenzulegen. Das klappte nicht und führte offenbar zu Meinungsverschiedenheiten, weswegen die betreffenden Personen schon weg waren, als ich kam. Wer mir Fragen beantworten konnte, war der damalige Bürgergemeindepräsident Franz Jeker. Aber ansonsten musste ich das ganze Bürgergemeindewesen von der Pike auf lernen.

Hatten Sie damals schon Ambitionen für den Sitz als Bürgergemeindepräsident?

Nein, überhaupt nicht. Ich war sehr gerne Bürgerschreiber und habe mir nie Gedanken gemacht, wie es wäre, Bürgergemeindepräsident zu werden. Aber als Christoph Oetterli vor zehn Jahren pensioniert wurde, ergab sich die Gelegenheit.

... die Sie ergriffen haben. Wie denken Sie über die vergangenen Jahre in der Rolle als einer der «höchsten Männer» Solothurns?

Meine Tätigkeit ist mit vielen Herausforderungen verbunden, sei es als Chef von rund 100 Angestellten in vier komplett unterschiedlichen Bereichen: dem Alters- und Pflegeheim, dem Forstbetrieb, dem Weingut am Bieler- und Neuenburgersee sowie der allgemeinen Verwaltung mit den Liegenschaften und der Einsiedelei. Ich betrachte es so: Als Leiter der Bürgergemeinde bin ich gewissermassen CEO, und als Vorsitzender des Bürgerrats amte ich als Verwaltungsratspräsident. So bin ich einerseits strategisch tätig, andererseits operativ. Ganz wichtig ist natürlich auch der Kontakt mit den Bürgern.

Inwiefern?
Es entspricht dem Wesen der Bürgergemeinde, möglichst nah bei ihren Bürgerinnen und Bürgern zu sein. Dass man ihre Bedürfnisse und Ansprüche erkennt. Von daher sind Begegnungen fast das Wichtigste meiner Tätigkeit.

Die Bürgergemeinde war vor zehn Jahren weltweit in den Schlagzeilen: als man den Einsiedler-Posten neu besetzte. Es folgten personelle Probleme. Wie hat sich das Sorgenkind entwickelt?

Personell ist die Einsiedelei kein Sorgenkind mehr. Sie war es, als Verena Dubacher und Schwester Benedikta im Einsatz standen. In den Medien war das Thema, weil man sich nach der Demission von Bruder Johannes entschied, die Tätigkeit als Stelle zu behandeln und diese öffentlich auszuschreiben – und weil erstmals eine Frau eingesetzt wurde. Die Wahl von Michael Daum war dafür ein Glücksgriff: Er passt gut in die Einsiedelei und führt die Tätigkeiten so aus, wie es sich die Bürgergemeinde Solothurn vorgestellt hat.

Einfach ist dieser Job nicht: Man ist Polizist, Dompteur, Sittenwächter, Schiedsrichter, Vermittler zwischen Nutzergruppen.

Es gibt einfach häufig Interessenkonflikte. Die Einsiedelei wird von Spaziergängern, Walkern, Joggern, Bikern, Hundehaltern, Reitern genutzt. Es herrschen unterschiedliche Bedürfnisse vor: Die einen wollen Ruhe, die anderen Abenteuer. Die einen wollen ungestört ihrem Hobby frönen, die anderen die spirituelle Ausstrahlung des Kraftorts spüren. Einige wollen die Natur geniessen oder Kulturobjekte besichtigen. Dann sind da jene, die die Kapelle für Hochzeiten, Taufen, Andachten und Gottesdienste nutzen wollen. Zeitweise werden wir mit geistig verwirrten Menschen oder religiösen Fanatikern konfrontiert. Nicht einfacher macht die Sache, dass mehrere Akteure mitmischen: Neben der Bürgergemeinde mit ihrer Einsiedelei-Kommission und dem Forstbetrieb sind es die Standortgemeinde Rüttenen, die Pfarrei St. Niklaus, die Gesellschaft Einsiedelei St. Verena – die namhafte Unterhaltsbeiträge leistet – sowie der Kanton, der die Oberaufsicht über das Naturschutzgebiet und die denkmalgeschützten Objekte hat. Derzeit stehen ausserdem finanzielle Herausforderungen an: Nach dem Brandfall 2017 muss die Verenakapelle saniert werden, mit Kosten von mehreren 100 000 Franken. Auch die Brücke beim Restaurant muss neu gebaut werden, dies wird nach den Sommerferien angegangen.

Im politischen Diskurs spielen zudem die Altersheime St. Katharinen und Thüringenhaus eine Rolle. Auch hier steht ein Umbau an.

Wir versuchen gezielt, auf einzelne Bedürfnisse der Pflegebedürftigen einzugehen und neue Dienstleistungen anzubieten wie beispielsweise ein Generationenkaffee. Wir denken auch darüber nach, im dereinst neuen Teil des St. Katharinen neue Wohnformen anzubieten, zum Beispiel mit Fokus auf Gerontopsychiatrie, Palliative Care, Begleitetes Wohnen. Dies jeweils mit Rücksicht auf vorhandene Bedürfnisse und auf Angebote anderer Heime.

Gerade die Aufhebung des zentral gelegenen Thüringenhauses und die Konzentration im St. Katharinen am Rande der Stadt stösst teilweise auf Unverständnis.

Laut Kanton erfüllt das Thüringenhaus die baulichen Vorgaben nicht mehr. Für die Bewohnerinnen und Bewohner täte es das wohl noch länger. Mit dem Betrieb an zwei Standorten sind wir aber defizitär. Nur durch eine Zusammenlegung lassen sich Synergieeffekte schaffen und Kosten sparen. Und eine Zusammenfassung am Standort Thüringenhaus wäre aus Platzgründen nicht möglich. Klar hat jeder Standort Vor- und Nachteile. Aber St. Katharinen ist in einem historischen Haus mit schönem Garten untergebracht, mit Kirche und guter öffentlicher Verkehrserschliessung. Ich finde den Standort nicht so schlecht.

Inwiefern beschäftigen ökologische Probleme die Bürgergemeinde als Waldbesitzerin und Holzlieferantin?

Gerade der Klimawandel beschäftigt uns natürlich auch. Nach dem Sturm Burglind lagen viele Baumstämme herum. Durch die Kombination mit dem trockenen Sommer 2018 hat sich der Borkenkäfer stark vermehrt. Und weil wenig Regen fiel, haben gewisse Baumarten Mühe und sterben ab – eine klare Folge des Klimawandels, das lässt sich nicht bestreiten. Das aktuelle Problem unseres Forstbetriebs: Wir wissen nicht wohin mit dem Sturmholz. Die beschriebene Situation führt zu einem Preissturz beim Holz, was es fast unrentabel macht, es aus dem Wald zu bergen.

Was tut die Bürgergemeinde gegen den Klimawandel?

Wir machen zum Beispiel mit beim CO2-Waldsenkenprojekt des kantonalen Verbands der Bürgergemeinden und Waldeigentümer. Dabei verpflichtet man sich, zusätzlich eine gewisse Anzahl Bäume stehen zu lassen und so mehr CO2 zu binden. Und auch wenn dieses Projekt allein nicht das Ei des Kolumbus ist, ist es eine gute Sache. Der Wald hat eine immens wichtige Funktion beim Kampf gegen den Klimawandel.

In der Schweiz weichen immer mehr Bürgergemeinden der Einheitsgemeinde. Ist die Organisationsform überholt? Die Institution Bürgergemeinde wird oft nur noch als Verwalterin von Liegenschaften und Baugrund wahrgenommen.

Die Bürgergemeinde Solothurn ist natürlich nicht nur Verwalterin. Die drei Betriebe Altersheim, Forstbetrieb und Weingut werden nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen geführt. Heisst: Sie müssen rentabel sein. Und die Bürgergemeinde muss selbsttragend sein, weil sie im Gegensatz zur Einwohnergemeinde keine Steuereinnahmen hat. Die Bürgergemeinden bündeln viel Fachwissen. Gewisse Aufgaben könnten die Einwohnergemeinden nicht besser oder billiger wahrnehmen als wir. Speziell im Kanton Solothurn steht uns die hoheitliche Aufgabe der Einbürgerungen zu. Bei der Bürgergemeinde Solothurn ist das Risiko auf jeden Fall sehr klein, dass wir zur Einheitsgemeinde fusioniert werden.

Kurz nach Ihrem Antritt als Präsident verkaufte die Bürgergemeinde das Kurhaus. Was denken Sie heute, wenn Sie vom Büro Richtung Hausberg blicken?

Es war die richtige Entscheidung. Unter der Bürgergemeinde hätte sich das Kurhaus vor allem aus finanziellen Gründen nicht so weiterentwickeln können. Man muss zudem erwähnen, dass alles andere auf dem Weissenstein, Land, Wald und die beiden Berghöfe, ja weiterhin der Bürgergemeinde gehören. Wir hoffen, dass das neue Hotel Weissenstein zum Fliegen kommt. Aufgrund unserer neuen Holzschnitzelheizung, mit der das Kurhaus mit Wärme versorgt wird, sind wir letztlich auch darauf angewiesen.

Wie lange bleiben Sie noch im Amt?

Ich bin jeweils auf eine Amtsperiode von vier Jahren gewählt. In diesem Turnus bestünde theoretisch die Möglichkeit, gegen mich anzutreten. Das war vor zehn Jahren bei meiner Wahl der Fall, seither gab es aber keine Herausforderer mehr. Und mir gefällt die Arbeit nach wie vor. Es sind ja noch einige grosse Projekte wie die Zusammenlegung der Altersheim-Betriebe oder die Entwicklung des Steinbruchareals umzusetzen.

Stossen Sie zum Doppeljubiläum mit Bürgerwein oder Schämpis an?

Möglich wäre beides, da wir seit einigen Jahren einen «Vin Mousseux» im Angebot haben. Feiern werde ich lediglich in Form eines Apéros mit Bürgerräten und Bereichsleitern.