Computermuseum Slothurn
Beatles-Aufnahmen und Bond-Ausrüstung: Diese Ton-Geräte sind Fossilien

Die neue Sonderschau im Computermuseum widmet sich der Technologie des Magnettonbands. Sie lässt Besucher in vereinzelten uralten Aufnahmen horchen – und zeigt die Evolution vom über 100 Kilo schweren Stahlband-Aufzeichnungsgerät bis hin zum Walkman.

Andreas Kaufmann
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Sonderschau «Enter» im Solothurner Computermuseum
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Die Evolution zur Musikkassette
Die Evolution zur Musikkassette
Magnettonbandaufzeichnung
Bandstationen wie der IBM 3240 kamen in den Siebzigern und Achtzigern in Gross-Computerunternehmen zur Speicherung von Daten zum Einsatz
Digitale Geräte auf Magnetbasis
Mit Mail-A-Voice konnten 1946 auf einem magnetischen Träger in Schallplattenform Audio-Botschaften verschickt und wieder gelöscht werden.
Links: Diktafon mit Magnetplatte als Datenträger
Die Verwendung in der Spionage
Die Evolution zur Musikkassette
Die Verwendung in der Spionage
Geräte für Radioreporter
Die Verwendung in der Spionage
Chronologie der Videogeräte
Ampex VR 1000 war die erste Vidomagnetaufzeichnung auf zwei-Zoll-Band (1956)
Portable Tonbandgeräte
Auf einem verwandten Gerät entstand 1967 das Beatles-Album «Sgt. Pepper's Lonely Heart Club Band» in den Abbey Rd. Studios.
Studer C37 Studio-Bandgerät
Revox - der unzersrörbare Klassiker
Studer A27 - Bandgeräte für Radiostudios
Sonderausstellung Enter Magnettonbandaufzeichnung
Sonderausstellung Enter Magnettonbandaufzeichnung
Lorenz-Stahlbandrekorder von 1935
Sonderausstellung Enter Magnettonbandaufzeichnung
Studio Recorder (1961) produziert von Motosacoche Genf für die Studios von RTS und BBC
Ein quadratisches Plättchen aus pyrolytischem Graphit schwebt über vier starken Neodymmagneten. Anschauungsunterricht in Sachen Magnetismus
Museumsleiter und -gründer Felix Kunz mit einem Nagra-Tonbandgerät aus dem Hause Kudelski
Nagra-Tonbandgerät aus dem Hause Kudelski

Sonderschau «Enter» im Solothurner Computermuseum

Andreas Kaufmann

Ihnen gehörte das 20. Jahrhundert, sie waren Zeitzeugen vieler geschichtsträchtiger Momente, doch nun sind sie quasi «lebende Fossilien» – magnetische Aufzeichnungsgeräte. Auf Metallbändern oder Papier-, bald Plastikbändern mit metallischer Beschichtung hielten sie den Ton, und später auch bewegte Bilder oder Daten für die Nachwelt fest.

Die am Dienstag angelaufene Sonderausstellung im Museum «Enter» verschafft diesen «Fossilien» Gehör – im wahrsten Sinne. Wenngleich technisch tiefgreifend und chronologisch durchgängig, hält die Ausstellung «80 Jahre Magnetbandaufzeichnung» nicht nur für den eingefleischten Revox-Fan Trouvaillen parat.

Sie lässt auch den technisch unbedarften Museumsbesucher in vereinzelten uralten Aufnahmen horchen – und zeigt die Evolution vom über 100 Kilogramm schweren Stahlbandaufzeichnungsgerät bis hin zum Walkman mit Musikkassette.

2,7 Kilometer für 30 Minuten

Den zeitlichen Startpunkt der Sonderschau setzt das Magnetophon K1 von AEG (1935), ein Novum mit magnetisch beschichteten Kunststoffbändern von BASF. Nebenan setzt Museumsinhaber Felix Kunz ein anderes Mammut unter den Tonbandgeräten in Bewegung: Die Firma Lorenz fertigte 1935 besagtes Stahlbandaufzeichnungsgerät für Radiostudios an.

Auf 2,7 Kilometern finden insgesamt 30 Minuten Musik oder Sprache Platz. Vor dem Hintergrundrattern der grossen Spulenräder hört man einen Sportkommentator aus den Dreissigern ein Eishockeyturnier zwischen Dübendorf und Davos kommentieren.

Zeitzeuge der Beatles-Ära

Ein weiteres Prunkstück findet sich daneben: Das Studiogerät Studer C37 – respektive sein «grosser Bruder» J37 – kam unter anderem bei der Produktion von «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» zum Einsatz, dem Beatles-Album, das 1967 in den Abbey Road Studios entstand.

Von den grossen führt die Ausstellung zu portablen Geräten, die mitunter an James-Bond-Ausrüstung erinnern. Tatsächlich zeigt die Sonderschau auch Spionage-Tonbänder, wie das deutsche Minifon von 1951 – ausgestattet mit einem Kugelschreiber, der in Wahrheit ein Mikrofon ist.

Oder das Schweizer Fabrikat Nagra SN von 1970, das im Kalten Krieg sowohl beim amerikanischen Geheimdienst CIA wie auch bei der Stasi zur Anwendung kam.

Mit den «Mail-A-Voice» ist eine eigentümliche Kuriosität von 1946 zu sehen, die entfernt an Anwendungsmöglichkeiten der digitalen Welt erinnert: In der Form einer mehrfach verwendbaren Schallplatte oder Papierdiskette konnte Ton magnetisch aufgenommen werden.

Auf diese Weise war es – wie der Name andeutet – möglich, sozusagen seine eigene Stimme als Audio-Gruss postalisch zu verschicken.

Urahne der Videorekorder

Später als die Tonaufzeichnung erlangte schliesslich auch die magnetische Speicherung von Filmdaten ihren Durchbruch: Davon zeugt ein kleiderschrankgrosser Videorekorder, der mit den späteren VHS-Geräten wenig und mit den heutigen Bluray-Playern noch weniger gemeinsam hat: Der Ampex VR1000 von 1956 gilt als Urgerät der Video-Magnetaufzeichnung. Ebenfalls wuchtig mutet die Bandstation IBM 3240 für Computerdaten an, die in den Siebzigern und Achtzigern im Einsatz stand.

Nur noch «lebendes Fossil»

Durch die Integration anderer Sammlungen, unter anderem aus dem Audiorama-Archiv, habe sich die aktuelle Sonderausstellung geradezu aufgedrängt, sagt Felix Kunz. Entsprechend umfassend vertreten sind daher Modelle aus der Fabrikation von Revox, Studer oder Nagra.

In ihrer Gesamtheit dokumentiert die Sonderausstellung eine Technologie, deren Tage gezählt sind. Die magnetische Aufzeichnung ist bis dato mit Ausnahme von Computerfestplatten weitgehend aus dem breiten Anwendungsfeld verschwunden, was auch Kunz bestätigt.

Diese Entwicklung hin zum «lebenden Fossil» dürfte denn auch für den gewandelten Stellenwert der Industrie- und Technologiegeschichte stehen, wie er sie in seinem Museum aufbereitet hat.

«Im Zuge der laufenden Deindustrialisierung stellt sich schon die Frage, was wir unseren Nachkommen über das technische Vermächtnis weitergeben können», so Kunz.

Deshalb hat sich das «Enter» in der vergangenen Woche zusammen mit rund 20 anderen Museen dieser Sparte zum Verband «Industriekultur und Technikgeschichte Schweiz» (Vintes) zusammengeschlossen, nicht zuletzt, um auch Fördermittel für die Dokumentierung der industriellen Vergangenheit der Schweiz zu mobilisieren.

Und um damit die «Fossilien» wie diese hier für die breite Bevölkerung am Leben zu erhalten.